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Hoffnung ohne Optimismus und das Tabu der Sucht

Feuilleton | aus FALTER 45/16 vom 09.11.2016

Was ist Hoffnung? Glauben an zukünftige Möglichkeiten, die "über das gegenwärtig Vorstellbare" hinausgehen, lautet eine der Antworten Terry Eagletons. Für diese bemüht er Philosophen von Aristoteles bis Theodor W. Adorno. Ein Kapitel widmet er Ernst Blochs "Prinzip Hoffnung". Auch weniger vorhersehbare Hoffende kommen zu Wort, wie Plenty Coups, der letzte Oberhäuptling des Crow-Stamms.

Eines ist Hoffnung nicht: Optimismus. "An seine Heiterkeit gekettet wie der Galeerensträfling an sein Ruder" sei man als Proponent der oberflächlich positiven Zukunftsprognose. Wobei: Auf etwas mehr Heiterkeit hofft man hier zeitweise schon. Fiel der Esprit der Übersetzung anheim? Die Übertragung des Titels "Hope without Optimism" als "Hoffnungsvoll, aber nicht optimistisch" wäre ein Indiz. Ausharren lohnt sich: Die nicht ganz leichtfüßig vorgetragenen Gedanken sind oft originell und stets treffend. ANDREAS KREMLA

Terry Eagleton: Hoffnungsvoll, aber nicht optimistisch. Ullstein, 256 S., € 20,60

Vom Fluchtachterl zum Reparaturseidl, vom problematischen Alkoholkonsum in die Krankheit. Der Übergang ist fließend. Zwölf Suchtverläufe zeichnete der ehemalige ORF-Journalist Lorenz Gallmetzer während seiner eigenen Therapiezeit in Kalksburg, der größten Suchtklinik Europas, auf. Dort wird den Patienten die eigene Realität oft erst bewusst, wenn sie sich im Spiegel anderer Süchtiger sehen. "Es ist erschreckend zu sehen, was die Sucht mit einem Menschen anrichten kann", sagt einer der Porträtierten. Säufer zu sein werde in unserer Kultur toleriert, meint Gallmetzer. Sich seiner Sucht zu stellen, sei ein Tabu.

Erzählen hat bekanntlich eine heilende Wirkung. Nicht reflektiert wird aber die leichtfertige Verabreichung starker Medikamente während des Entzugs sowie weitere Beispiele für substanzungebundene Süchte, abgesehen von Spielsucht, etwa Kauf-oder Internetsucht. JULIANE FISCHER

Lorenz Gallmetzer: Süchtig. Von Alkohol bis Glücksspiel. Abhängige erzählen. Kremayr & Scheriau, 192 S., € 22,-


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