Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Kudugehörn

Falter & Meinung | aus FALTER 45/16 vom 09.11.2016

Das war wieder typisch. Verleger Kurt Falk feuerte den Chefredakteur seines Billigblatts, und der Falter schlich sich ins Verlagshaus, um mit ihm ein Interview zu machen. Mit Peter Bartels, dem deutschen Boulevard-Hengst und Schlagzeilenkönig. Über die Krone sagte er: "Die ist ja handwerklich in Ordnung, ist ja alles drin -Füllfaktor 100. Aber bis auf die Kolumnisten käst doch da die Milch vor Langeweile."

Der Weg zu Bartels ging so: "Mit hochgeschlagenem Kragen drücken wir uns vorbei am Empfang.,Rücken Sie nicht mit 'ner auffälligen Delegation an', hatte uns der Gesprächspartner gebeten. Im Lift erkennt uns keiner, im obersten Stockwerk geht's scharf links, Tür 303 öffnet sich nach dem ersten Knöchelkontakt. ,Kommen Sie leise!' Da steht er, die Cohiba-Zigarre in der Hand, Peter Bartels (53), legendärer Ex-Bildund Ex-Super-Zeitung-Chef, am Dienstag vor zwei Tagen von Falk als Chefredakteur von täglich Alles gefeuert.

", Das ist sie, die sagenumwobene Wohnung!' Wir setzen uns nicht an den Glastisch, dessen Platte von einer knienden bronzenen Nackten getragen wird. Denn dahinter steht die Wand zum Besprechungszimmer, und die ist dünn. Lieber an den Esstisch, den mit den Raubtierkrallen aus Messing an den Füßen, in die Sessel mit dem Leopardenbezug, mit Blick auf die mannshohe österreichische Fahne und den Regency-Schreibtisch.

Keine gemäßigte Moderne hier, eher Hemingway aus dem Versandhauskatalog. ,Och nein', echt sind weder die Stilmöbel noch die goldgerahmten Tierbilder in Essig und Öl (Elefant, Tiger), höchstens das Zwiebelmustergeschirr im Glasschrank. Die kommen alle wieder in den Keller, bis zum nächsten Job in der nächsten Stadt. Echt hingegen ist das Kudugehörn an der Wand - ,die Königin der Antilopen, ja, selbst getötet' - wie auch das Zebra, dessen Fell auf dem Boden liegt. Bartels führt durch Küche, Bad und Klo, die ihm Falk eingerichtet hat, Letzteres zur Überraschung des Sportreporters, der es eines Morgens dort fand, wo gestern noch sein Schreibtisch gestanden war." AT


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