Doris Knecht Selbstversuch

Der Arzt sagt, das ist normal, aber

Kolumnen/Zoo | Doris Knecht | aus FALTER 45/16 vom 09.11.2016

Wieder einmal SO ein Tag. Das weiße Blatt, der leere Bildschirm. Wäsche waschen, Spülmaschine ausräumen, Ordnung machen. Nichts nützt. Kein Satz kommt. Normalerweise hilft Wäscheaufhängen, aber die Maschine läuft noch. Peter Handke stickt, sehr schön, wenn es ihm denn gelingt, den Faden einzufädeln, das weiß ich aus "Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte", dem bezaubernden Handke-Film von Corinna Belz. Ich hab den Film bei der Viennale gesehen, an einem Vormittag um elf, das ist der Vorteil der Freiberuflerei. Es gibt in Wien sehr viele Freiberufler, das Kino war voll. Der Nachteil sind Tage wie dieser. Kinderbetten machen, Handke-Bücher sondieren, Besteckschublade ausmisten.

Etwa 130 in Papier verpackte Stäbchensets in den Korb mit den Sachen fürs Land packen, die kann man dort zum Anfeuern verwenden und zum Lackdosenumrühren und im Frühjahr, um damit Löcher für die Stangenbohnen in die Erde zu bohren, bis man ein Loch im Handballen hat und die Horwathin einem sagt, du, dafür wurde aber ein super händeschonendes Werkzeug erfunden, weißt du eh. Ach ja? Ich hab das Beet ja erst seit acht Jahren, kann ich ja nicht wissen.

Bzw. kann ich schon wieder vergessen haben, denn als ich dann mit dem Werkzeug - ein schlanker Kegel mit handballenfreundlichem Griff, um 3,99 beim Lagerhaus erworben -die Bohnen, die von den Wühlmäusen und Schnecken gefressen worden waren, nachsäte, erinnerte ich mich plötzlich, dass ich so ein Gerät, so ein Pflanzholz, schon einmal in der Hand gehalten, besessen und, ja, genau an dieser Stelle zur Fisolensaat benutzt hatte. Huhh. Dann war es wohl in irgendeinem Gebüsch verlorengegangen, und mit ihm die Erinnerung daran, was heißt: das Bewusstsein über die schiere Existenz seiner Gattung.

Das ist überaus beunruhigend. Das passiert mir immer wieder. Dass man sich zum Beispiel neue Gewohnheiten antrainiert, neue Geschmäcker aneignet, neue Sachen, neue Farben ausprobiert, nur um sich plötzlich, während man sich eben noch freute, jetzt aber einmal etwas völlig Neues, ganz Außerordentliches zu wagen, daran zu erinnern, dass man an diesem Punkt schon einmal war, dass man exakt das hier längst zum ersten Mal antrainiert, angeeignet, ausprobiert und dann eine Zeitlang ins Dasein integriert hat, nur um es wieder abzulegen und dann rückstandslos zu vergessen.

Mein Arzt sagt, das ist das Alter, das ist normal. Ich weiß nicht. Es ist eine ganz ungute Spielart des Déjàvu, ganz besonders, weil es auch das Schreiben betrifft und einem hin und wieder klar wird, dass man diesen super originellen, ganz frischen Gedanken schon einmal hatte und, woran einen irgendwann das nie vergessende Internetz erinnert, in exakt diesen Worten formulierte. Auch das habe ich vermutlich schon einmal genau so geschrieben, auf einem weißen Blatt, in einen leeren Bildschirm hinein. Ich gehe jetzt Wäsche aufhängen, vielleicht hilft es. Oder sticken, ja.


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