Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Beste Simultanquartette der Welt der Woche

Feuilleton | ARMIN THURNHER | aus FALTER 46/16 vom 16.11.2016

Spannung im großen Saal des Konzerthauses. Nur einige Sitze am Rand sind bestuhlt; stattdessen waren Podien aufgestellt. In der Mitte das größte, auf ihm nahmen zwei Streichquartette Platz. Am Rand in den Logen, auf und oberhalb der Bühne weitere; es musste Platz für 15 Streichquartette geschaffen werden. Dazwischen flanieren Besucherinnen und Besucher im Halbdunkel.

Mit dem Arditti Quartet und dem Jack Quartet, die in der Saalmitte spielten, führten 13 weitere Quartette eine Idee des Wien-Modern-Leiters Bernhard Günther aus, nämlich alle 15 Quartette von Dmitri Schostakowitsch simultan aufzuführen. Nicht wirklich simultan. Günther hatte einen genauen Ablaufplan entwickelt, der teils mit der Stoppuhr, teils auf Zeichen des taktgebenden Quartetts ausgeführt wurde. Irvine Arditti, Gründer und Namensgeber des gleichnamigen Quartetts, das so viel Neue Musik uraufgeführt hat wie kein anderes Ensemble, hatte die Proben geleitet.

Schostakowitsch, von Stalin wegen Formalismus mit Aufführungsverbot und Schlimmerem bedroht, gilt als Problem für Neutöner: Klassizistisch, anbiedernd, ja kitschig, lauten die Vorwürfe. Zugleich stammen einige der großartigsten Trauermusiken von ihm. In der komprimierten, subtil zusammengestellten Abfolge war das nachzuhören. Es begann und endete elegisch, dazwischen traten in den langsamen Sätzen mehrere Ensembles miteinander in Unterhaltung. Mitunter wüteten alle gegen alle. Vom Balkon hörte man am besten, unten bestimmten die Wanderer von einem Quartett zum nächsten ihre Hörintensität. Instruktive, witzige Informationen über Ablauf und Quartette halfen, den Überblick zu behalten. Eine großartige Idee, ein wunderbarer Abend, ein Triumph für Wien Modern und seinen Leiter.


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