Neue Bücher Aufzeichnungen aus irren Häusern

Feuilleton | aus FALTER 46/16 vom 16.11.2016

Schon aus Kubricks "Shining" weiß man, dass es schlimm ausgeht, wenn sich Familienväter zum Schreiben ins Gebirge zurückziehen. Daniel Kehlmann nutzt dieselbe Ausgangssituation, er hat bloß den Buben durch ein Mädchen ersetzt. Das Verhältnis des Erzählers zu seiner Gattin ist sichtlich angespannt: "Jetzt spielen sie auf dem Teppich und sind laut, und ich kritzle weiter, damit sie meinen, ich würde arbeiten."

Der unter Druck stehende Drehbuchautor arbeitet an einer Fortsetzung seines Erfolgsfilmes "Allerbeste Freundin I", die läppischen Ansätze dazu sind in den Text montiert, der sich auf eher unökonomische, ebenso hölzerne wie manierierte Weise alles greift, wessen er zur Evozierung des Numinosen zu bedürfen glaubt. Wo alle Regeln der Kausalität, der Naturgesetze und des Erzählens suspendiert sind, bleibt aber der Horror eine bloße Behauptung, das intendierte Verwirrspiel nichts weiter als wirr. KN

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen. Erzählung. Rowohlt, 92 S., € 15,50

Vor 15 Jahren ist Christine Lavants autobiografischer Bericht erstmals bei Otto Müller erschienen, nun wurde er von Klaus Amann neu herausgegeben und benachwortet - im Rahmen der hochlöblichen Anstrengungen des Wallstein Verlags, dem Werk der großen Kärntner Schriftstellerin den gebührenden Rang zukommen zu lassen. Im Herbst 1935 hatte sich die damals 20-Jährige, jüngstes von neun Geschwistern einer Bergarbeiterfamilie, nach einem Suizidversuch freiwillig in die "Landes-Irrenanstalt" einweisen lassen, wo sie sich einer sechswöchigen Arsenkur unterzog.

Der tagebuchartige Stil der erst elf Jahre später niedergeschriebenen "Aufzeichnungen" ist eine Fiktion, die handelnden Personen sind es nicht. Die glasklaren Beobachtungen Lavants entlarven die Inhumanität der Institution und sind doch weniger Anklage als ein eindringliches, anrührendes, aber völlig unkitschiges Plädoyer für Empathie. Große Literatur! KN

Christine Lavant: Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus. Wallstein, 140 S., € 17,40


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