HINTER DER MASKE

"Anwendung von verbalen Attacken, Untergriffen, Scheinargumenten", "Die Kunst des Zwietrachtsäens", "Provokation und Polemik" - all das lehrt die FPÖ in Rhetorikseminaren. Niemand beherrscht das Geschäft besser als Norbert Hofer. Einblick in die Schauspielschule

Medien | Benedikt Narodoslawsky | aus FALTER 46/16 vom 16.11.2016


Folge 1: Der Meister. Über Hofers Ausbildung zum Rhetoriktrainer und FPÖ-Kurse

Folge 2: Der Falschspieler. Die subtilen Untergriffe des FPÖ-Kandidaten in der Debatte

Folge 3: Der Zerstreuer. Die Ablenkungsmanöver, wenn es für Hofer brenzlig wird

Folge 4: Das Opfer. Hofers inszenierter Kampf zwischen „Wir“ gegen „Die“

Folge 5: Der Held. Wie Hofer Ängste schürt und zugleich Sicherheit verspricht

Am Tag der Wahl, wenn die Letzten ihre Kuverts in die Urnen geworfen haben werden, wird die Bühne Ihor Atamaniuk und Peter Schütz gehören. Die beiden sind NLP-Trainer und ihr Vortrag am 4. Dezember zum „7. Österreichischen Kongress für professionelles NLP“ heißt „Politik und NLP“. Er wird sich um die Wahl drehen. „NLP ist wieder einmal durch unrichtige Recherche im Rahmen der Bundespräsidentenwahl ins Gerede gekommen“, erklärt Schütz. Die Berichterstattung über Hofers rhetorische Tricks hat der Branche geschadet. Nun versucht sie, ihren Ruf wiederherzustellen.

NLP – die Abkürzung steht für neurolinguistisches Programmieren – ist ein umstrittenes Kommunikationsmodell. Eigentlich wird es in Therapien eingesetzt, um zwischenmenschliche Kommunikation zu verbessern. Einige Werkzeuge aus dem NLP-Koffer können aber auch missbraucht werden, um in Diskussionen zu manipulieren.

Fakt ist: Hofer lernte NLP. Fakt ist aber auch, dass das nur einen Teil seines rhetorischen Arsenals darstellt. Hofer kann viel mehr als NLP, er besuchte verhaltenstechnische Seminare wie Rhetorik, Kommunikation, Crash-Rhetorik und Team-Design und ließ sich danach zum Kommunikations- und Verhaltenstrainer ausbilden (der Falter berichtete exklusiv darüber, im Netz: http://bit.ly/NorbertDerProfi). Seine Erfahrung hat Hofer als Coach beruflich genützt. Sechs Jahre lang arbeitete der heutige Präsidentschaftskandidat als Kommunikations- und Verhaltenstrainer. In seinem heutigen Lebenslauf auf seiner Homepage verschweigt er die Episode. Verständlich, denn kaum etwas hat seinen Glaubwürdigkeitswahlkampf so konterkariert wie der Hinweis auf sein manipulatives Schauspiel im Wahlkampf. Zwei Tage nach der Wahl, als Hofer Van der Bellen zum Sieg gratulierte, erklärte er, er habe manche Kritik unterschätzt – etwa, dass er „unheimlich böse NLP-Tricks“ angewendet haben soll. „Das ist bei mir nicht der Fall.“

NLP-Trainerin Amanda Schmalz behauptet, dass Hofer das Gegenteil von NLP anwende, „nämlich Eristische Dialektik von Arthur Schopenhauer, die Schopenhauer selbst nie so eingesetzt haben wollte, wie sie verwendet wird. Schopenhauer selbst bezeichnete sie als ‚die Kunst, Recht zu behalten‘ oder auch ‚die Kunst, Freunde zu verlieren‘. Sie wird auch als ‚schwarze Rhetorik‘ unterrichtet.“

Schmalz hat das gesamte ATV-Duell analysiert und zählte 23 Manöver aus Schopenhauers berüchtigter Anleitung, die Hofer strategisch einsetzte. „Man kann damit herrlich jede sachliche Diskussion verhindern und seine eigenen Behauptungen platzieren, die vollkommen aus der Luft gegriffen sein können“, sagt Schmalz, „wenn der Gesprächsgegner das Spielchen nicht durchschaut, ist er ihm hilflos ausgeliefert.“

„Eristik – die Kunst des Zwietrachtsäens nach Schopenhauer“ – genau das bildet einen Schwerpunkt im Kurs „Provokation, Polemik und Killerphrase – Abwehr und Anwendung“, den das Freiheitliche Bildungsinstitut in den vergangenen Jahren anbot. Es ist nur ein Kurs von vielen. In den vergangenen Jahren hatte die FPÖ in ihrer steuerfinanzierten Parteiakademie nicht nur Rhetorikseminare zu den Themen „Gezielter Einsatz der Körpersprache“ und „Stimme, Sprache & Sprechweise“ im Programm. Man findet auch Einschlägiges. Etwa: „Kampfrhetorik (Teil 1 und Teil 2)“. Oder „Führen durch Powerrhetorik“ (siehe auch Spalte auf Seite 27).

Wie schwer es ist, mit Hofer zu diskutieren, hat SPÖ-Präsidentschaftskandidat Rudolf Hundstorfer selbst erlebt. „Hofer hat sich von den anderen Kandidaten unterschieden, weil die anderen zugehört haben. Ihm ist völlig wurscht, wer ihm gegenübersitzt. Er fährt einfach seine Botschaft. Das machen zwar auch andere Politiker, aber er betreibt das mit einer gewissen Perfektion“, sagt Hundstorfer, „er behauptet Dinge, auch wenn die Fakten nicht stimmen, und verwendet dabei eintrainierte populistische Sager.“

NLP-Experte Walter Ötsch sagt über Hofer, er habe noch nie einen österreichischen Politiker gesehen, „der derart trainiert war“. Und Politikberater Klaus-Peter Schmidt-Deguelle erklärt: „Hofer ist wirkungsvoller als Strache, weil er nicht sein wahres Gesicht zeigt. Er spielt im Wahlkampf den Saubermann, den fürsorglichen Landesvater, den netten Mann von nebenan, den leider durch einen Unfall behinderten Tugendmenschen.“

Das Image des trainierten Schauspielers will Norbert Hofer tunlichst vermeiden, seine beste Rolle ist die des „authentischen, ehrlichen Menschen“. „Ich habe das schon oft gesagt. Ich mache kein Coaching“, behauptete Hofer im letzten Duell vor der Stichwahl. „Ich mag das nicht, wenn mir jemand vor einer Sendung sagt, was ich sagen soll. Dann habe ich das dauernd im Hinterkopf. Ich will das nicht. Ich gehe lieber frei hinein und schau, was passiert, und das funktioniert bei mir sehr gut“ („Das Duell“, ORF).

Dass Hofer lügt, lässt sich zwar nicht beweisen, liegt aber sehr nahe. Es wäre schließlich nicht nur höchst ungewöhnlich, sondern auch unprofessionell, wenn sich ein Politiker auf wahlentscheidende Duelle nicht vorbereiten würde. Und wenn Hofer sagt, er „gehe lieber frei hinein“ und habe nicht gerne Sätze „dauernd im Hinterkopf“, wie kommt es dann, dass sie immer gleich klingen? Etwa, wenn Hofer gegen die Türkei wettert.

„Da wird auf Frauen geschossen am Weltfrauentag, mit Gummigeschoßen, da wird eine Zeitung gestürmt, nur weil diese Zeitung nicht genehm berichtet, die Frau von Erdoğan träumt vom Harem“ („Pressestunde“ vom 10. April, ORF).

„Da wird am Weltfrauentag mit Gummigeschoßen auf Frauen geschossen, es wird eine Zeitung gestürmt, weil die anders berichten, als Erdoğan das will, die Frau des Präsidenten träumt vom Harem“ („Runde der Kandidaten“, ORF).

„Da wird am Weltfrauentag auf Frauen geschossen mit Gummigeschoßen, es wird eine Zeitung gestürmt“ („Das Duell“, Puls 4).

„Einem Land, das mit Gummigeschoßen auf Frauen schießt, die am Frauentag demonstrieren, einem Land, wo eine Zeitung gestürmt wird, weil diese Zeitung anders berichtet, als das der Herr Erdoğan will, die Frau des Herrn Erdoğan träumt von den Vorzügen des Harem“ („Die Elefantenrunde“, Puls 4).

Gleichlautende Sätze über Gummigeschoße, Harem und gestürmte Zeitungen erzählte Hofer unter anderem auch im Duell gegen Andreas Khol („Die 2 im Gespräch“, ORF), im Duell gegen Van der Bellen („Klartext“ vom 15. September, Ö1) und in der ORF-Nachrichtensendung „ZiB 2“ am 18. März.

Der Falschspieler

Norbert Hofer beherrscht das Spiel mit Untergriffen, er attackiert Gegner und Moderatoren nicht auf der inhaltlichen, sondern auf der persönlichen Ebene. Alexander Van der Bellen bezeichnete er etwa unter anderem als „nervös“, „oberlehrerhaft“, „aggressiv“, „langsam“, „untergriffig“ („Das Duell“, ATV), „böse“, „wehleidig“, „nicht ehrlich“ und „nicht selbstbewusst“ („Das Duell“, Puls 4). Wie systematisch Hofer die Untergriffe einsetzt, wird offensichtlich, wenn man seine Duelle zerlegt und dabei Muster herausarbeitet.

In der ersten Phase des Wahlkampfes griff Hofer das Alter seines Gegners an. Seine Botschaft lautete: „Van der Bellen ist zu alt für das Amt.“ In Rhetorikseminaren schult die FPÖ ihre Funktionäre im „Aussenden unterbewusster Botschaften durch gezielte Wortwahl“. Um die wichtige Wählerschicht der Alten nicht zu vergraulen, verpackte Hofer die Botschaft in ein Bild: jenes des dementen Opas. Hofers „gezielte Wortwahl“, um das Bild in den Köpfen der Zuschauer zu verankern, lautete: „vergesslich“.

Hofer sagte zu Van der Bellen: „Ich weiß, Sie vergessen immer Ihre Interviews“, „Sie sind irrsinnig vergesslich, was die eigenen Aussagen anbelangt“, „Sie vergessen Ihre Interviews immer“ („Die 2 im Gespräch“, ORF). „Sie sind vergesslich, das haben doch Sie gesagt“, „Erinnern Sie sich doch!“ („Wer wird Präsident? Die Elefantenrunde“, Puls 4). „Sie vergessen immer. Sie machen den zerstreuten Professor“ („Runde der Kandidaten“, ORF). „Das haben Sie doch selbst gesagt. Muss ich da schon wieder nachschlagen?“, „Was haben Sie denn gelesen – wenn Sie sich doch erinnern können“, „Der Herr ist so vergesslich“, „Weil Sie es vielleicht nicht vergessen, aber nicht wahrhaben wollen“ („Das Duell“, Puls 4).

Die Strategie hatte Erfolg. Der Meinungsforscher Peter Hajek ermittelte nach der Stichwahl die fünf wichtigsten Wahlmotive für die beiden Kandidaten. Der drittwichtigste Grund, für Hofer zu stimmen, lautete demnach: „jung/dynamisch/Van der Bellen zu alt“. Das ist beachtlich, weil Hofer Ende 2015 – kurz vor seiner Kandidatur – in einem „ZiB 2“-Interview erklärte, er werde nicht antreten. Grund: Hofer fühle sich für das Amt zu jung. Kein Wunder, dass der damals 44-Jährige sein Alter als Hürde betrachtete, schließlich hatten seit 1945 ausschließlich ältere, erfahrene Männer das Präsidentenamt inne. Dennoch gelang es Hofer, seinen jugendlichen Nachteil in einen Vorteil zu verwandeln. „Das Alter war ein Thema, aber nur bei Hofer-Wählern“, sagt Meinungsforscher Hajek.

Hofers neue Taktik lautet: Van der Bellen als wankelmütig darstellen. Die Botschaft: „Man kann Van der Bellen nicht trauen, weil er keine Haltung hat.“ Wer die TV-Duelle aufmerksam verfolgt, erkennt auch hier ein Muster. Neu ist das nicht: Im US-Wahlkampf 2004 schlug US-Präsident George Bush seinen demokratischen Gegner John Kerry auch deshalb, weil er ihn systematisch als Wendehals („Flip-Flopper“) herunterputzte. Kein inhaltlicher Angriff, sondern einer auf die Person. Dass Hofer seine Meinung selbst ändert – etwa beim Verbotsgesetz oder beim Thema Öxit – ist für Hofers Rhetorik unerheblich.

Der Zerstreuer

Wenn Hofers Gegner gut argumentiert oder ihn mit einer unangenehmen Frage konfrontiert, versucht Hofer, ihn aus dem Konzept zu bringen. Das Ziel: sein Gegenüber aus der Fassung zu bringen und zugleich das Publikum abzulenken, damit es das gute Argument vergisst. Unangenehme Vorwürfe kann Hofer damit zerstreuen und abschwächen.

Dazu wechselt Hofer auf die Metaebene. Das bedeutet, er äußert sich nicht inhaltlich, sondern redet über die Diskussion selbst. Im Duell erzählte Van der Bellen von seiner breiten Unterstützerplattform und forderte Hofer auf, ihm nun seine Unterstützer zu nennen. Hofer antwortete: „Herr Doktor, Sie sind heute so böse. Ich weiß nicht, warum, ich habe Ihnen nichts getan“ („Das Duell“, Puls 4). Damit führte er das Publikum gedanklich weg vom inhaltlichen Schwachpunkt seiner politischen Isolation und griff zugleich Van der Bellen persönlich an.

Der ehemalige Kommunikationstrainer Walter Ötsch, der im Jahr 2000 die rhetorischen Tricks von Jörg Haider entschlüsselte, beschreibt Hofers Kommunikationsziel so: „Hofer will auf jeden Fall einen Sachdiskurs vermeiden und einen Personendiskurs schaffen.“ Ein anderes Beispiel: SPÖ-Kandidat Rudolf Hundstorfer wollte mit dem Satz „Herr Ingenieur Hofer, darf ich Ihnen eine Frage stellen?“ einen Angriff einleiten und blickte dabei kurz nach unten auf seinen Zettel. Hofer reagierte sofort und kameragerecht: Demonstrativ starrte er auf die Zettel seines Gegners, deutete schließlich darauf und sagte: „Ihr Team hat schon wieder etwas vorbereitet für Sie. Bitte lesen Sie runter!“ („Die 2 im Gespräch“, ORF)

Mit diesem kurzen Zwischenruf verwirrte Hofer, der in TV-Duellen selbst immer wieder von Zetteln abliest, sein Gegenüber. Er stellte Hundstorfer als fremdgesteuert dar und erstickte dessen Angriff mit einem schnellen Gegenangriff im Keim. Um sein Gegenüber abzulenken oder die Diskussion zu zerstören, braucht der FPÖ-Rhetorikprofi nicht viel. Nur eine Geste des Gegners: „Sie zeigen da mit dem Finger so böse auf mich“ („Die 2 im Gespräch“, ORF). Ein Wort: „Anschluss ist kein schönes Wort!“ („Das Duell“, Puls 4). Oder eine Stimmung: „Sie müssen nicht so nervös sein“ („Das Duell“, ATV).

Das Opfer

Man konnte sie im freiheitlichen Gashupenkonzert kaum hören, aber als Hofer vor dem ATV-Duell mit seinem Tross zum Sender marschierte, rief eine Anhängerin Van der Bellens „Pfui! Pfui! Pfui!“. Hofer blies die Bagatelle zum Skandal auf und thematisierte sie im folgenden Duell gleich drei Mal. Er erzählte, „als wir reingekommen sind – meine Frau, meine Tochter und ich –, dass von Ihren Wahlhelfern ‚Buh‘, ‚Buh‘ und ‚Pfui‘ geschrien worden ist“; „Meine Frau Verena (…), die, als sie reingekommen ist, sich anhören musste ‚Pfui‘ von Ihren Anhängern“; „Das sind Menschen, die Sie unterstützen? Und die Leute, die draußen stehen vor dem Haus und meine Frau und mein Kind mit ‚Pfui, pfui!‘ dann irgendwie niederschreien.“ („Das Duell“, ATV).

Hofer setzt die Opferrolle systematisch ein. „Die Antifa hat heute zugegeben, dass sie es war, die meine Plakatständer zerstört, zerstückelt, beschädigt, weggeräumt hat“ („Die 2 im Gespräch“, ORF). „Ich habe wirklich auch viel erlebt in diesen Monaten im Wahlkampf. Unterstellungen, Beleidigungen wegen meiner Behinderung. Alles Mögliche. Dann dass meine Frau und mein Kind irgendwie beschimpft werden – das sind alles Dinge, die sind wirklich schlimm“ („Das Duell“, ORF). „Oder die Leute, die meine Plakate zerstören? Oder die Leute, die mir auf Twitter ausrichten lassen, ich bin ein Krüppel und ein Behinderter?“ („Das Duell“, ATV).

Auf Facebook erklärt Hofer seinen rund 300.000 Fans, dass er das Handelsabkommen Ceta nicht unterzeichnen werde, er schreibt: „Nun wird der Druck auf mich noch größer werden. Sie werden alles tun, um mich zu verhindern. Es geht um ein Billiardengeschäft.“ Mit der Opferrolle schafft Hofer zweierlei: Erstens stellt er sich als Märtyrer für die kleinen Leute dar, der trotz aller Widerstände des von ihm herbeigeredeten „Systems“ für seine politische Überzeugung kämpft. Er kreiert ein „Wir gegen die“-Gefühl. Das „Wir“ konstruiert Hofer mit „den Österreichern“, das „Die“ ist das diffuse „System“, das für alles Leid der Menschen verantwortlich ist. Zweitens baut Hofer damit eine emotionale Brücke zum Publikum: Er fordert in der Rolle als „Behinderter“, „bedrohter Familienvater“ und „politischer Märtyrer“ Mitgefühl ein und gewinnt damit Sympathien.

Das Prinzip ist alt. Schon 1994 ließ der damalige FPÖ-Chef Jörg Haider den Spruch „Sie sind gegen ihn, weil er für Euch ist“ plakatieren. FPÖ-Wahlkampfstratege Herbert Kickl, der in den 1990er-Jahren für Haider Wahlkämpfe machte, ließ denselben Spruch 2008 auf die Plakate von FPÖ-Chef Strache drucken. 2009 wurde während des EU-Wahlkampfes ein geheimes FPÖ-Grundlagenpapier an die Öffentlichkeit gespielt. Es erklärte FPÖ-Wahlhelfern, wie sie Wähler überzeugen können. Sie sollten den Wählern weismachen, das wichtigste Wahlkampfziel aller anderen Parteien wäre, die FPÖ zu schwächen. Das Kapitel hieß: „Alle gegen die FPÖ – Viel Feind’, viel Ehr’“.

Im Wahlkampf spielt Hofer nun wieder die Opferkarte, angereichert mit seinem persönlichen Schicksalsschlag, den er als Trumpf ausspielt: seine Behinderung. Der deutsche Ex-Staatssekretär Klaus-Peter Schmidt-Deguelle (SPD), der heute als Kommunikationsberater Politiker auf TV-Duelle vorbereitet, hat Hofers TV-Auftritte analysiert und sagt, Hofer setze seine Behinderung bewusst ein: „Einerseits sagt Hofer: ‚Ich bin behindert, aber ich stehe das durch; ich bin ein Durchbeißer‘. Andererseits überträgt er die Behinderung auf die sachliche Ebene des Wahlkampfes und spielt eine gewisse Opferrolle.“ Die Behinderung diene als Mittel, um diese Rolle glaubwürdiger darzustellen. „Hofer spielt das arme Opfer in dem Moment, in dem er in einer sachlichen Debatte kein Argument mehr hat. Das immunisiert ihn“, erklärt Schmidt-Deguelle. Würde Hofers Gegner schließlich etwas Negatives über dessen Behinderung sagen, würde das Publikum dies als grobes Foul werten.

Hofer beansprucht das Mitleid für sich. Werden etwa ertrunkene Flüchtlinge thematisiert, blockt er kühl ab und lenkt das Gespräch weg. Liest Van der Bellen, der im Wahlkampf mit Mord bedroht wurde, ein Hassposting eines FPÖ-Funktionärs vor, das gegen ihn und seine Wähler gerichtet ist, wiegelt Hofer ab: „Da können wir uns wechselseitig alles Mögliche vorlesen. Das ist lächerlich. Das ist wirklich lächerlich“ („Das Duell“, ATV). Das Ziel: Das Mitgefühl des Publikums soll nur ihm gehören.

Der Held

Hofer stellt sich seinem Publikum als tugendhafter Ritter vor. „Ich sage nur, dass, wenn ich Präsident werde, dass ich mich genau mit diesen Themen beschäftigen werde. Nämlich die Themen, die ich auch im Bierzelt höre von den Menschen, worunter sie leiden.“ Und: „Ich will, dass sich die Menschen im Land wirklich sicher fühlen können. Vor allem die Frauen“ („Das Duell“, ORF).

Wie geschickt Hofer die Rolle bedient, zeigt ein direkter Vergleich aus dem letzten TV-Duell vor der Wahl. ORF-Moderatorin Ingrid Thurnher stellte beiden Kandidaten die heikle Frage, ob es ihnen gefalle, dass der österreichische Präsident mehr verdiene als der US-Präsident. Van der Bellen erklärte technisch und spröde die „sogenannte Bezügepyramide“, die 1997 im Parlament beschlossen wurde, beantwortete die Frage sachlich und endete mit dem Satz „Der Bundespräsident kriegt was er kriegt sozusagen“.

Hofer hingegen sprach das Herz an, nicht das Hirn: „Ich will das nicht vor mir hertragen, aber ich würde gerne beim Spenden sehr aktiv sein. Aber ich halte nichts davon zu sagen, ich habe jetzt dort gespendet und da gespendet – das ist eher schäbig“ („Das Duell“, ORF).

Hofer beantwortete die unangenehme Sachfrage nach dem hohen Gehalt nicht, sondern verkaufte dem Publikum stattdessen zwei Tugenden in zwei emotionalen Sätzen: seine vermeintliche Großzügigkeit und Bescheidenheit.

Tatsächlich ist Hofer alles andere als bescheiden, er lobt sich in höchsten Tönen. „Noch bevor dieser Wahlkampf losgegangen ist, haben mir viele meiner politischen Mitbewerber attestiert, dass ich hier wirklich ordentlich arbeite und überparteilich bin“ („Das Duell“, ORF). Seine Methode: Gut und Böse schaffen, sich selbst überhöhen und den Gegner herabsetzen, ein Match zwischen Held und Bösewicht zu inszenieren. Deutlich wird das, wenn man Hofers Zitate aus den TV-Duellen einander gegenüberstellt: „Mir ist es immer wichtig, ehrlich zu sein“ („Die 2 im Gespräch“, ORF), „Sie sind einfach nicht ehrlich! Sie sind nicht ehrlich!“ („Das Duell“, Puls 4), „Ich gebe ehrliche Antworten, wenn ich gefragt werde“ („Runde der Kandidaten“, ORF), „Damit will ich wieder aufzeigen, dass der Weg, den Sie gehen, kein geradliniger ist. Bei allem Respekt“ („Das Duell“, Puls 4). Während andere Menschen Sonntagszeitungen stehlen, „werfe ich immer den Betrag ein, der höher ist“, erzählt Hofer („Das Duell“, ORF) und konfrontiert Van der Bellen mit einer Geschichte aus den 1980er-Jahren: „Sie waren Mitglied bei der SPÖ und haben den Mitgliedsbeitrag nicht gezahlt. Das ist eine Schande“ („Das Duell“, ATV).

Hofer zielt darauf ab, den Gegner nicht inhaltlich, sondern moralisch zu schlagen. Am besten gelingt das mit Hollywood-Pathos. „Der große Unterschied ist ja der, dass ich immer einer sein werde, der auf Österreich schaut. Und das werden Sie nicht sein“ („Das Duell“, ATV).

Der Freund

Der wichtigste Grund, warum Österreicher Norbert Hofer wählten, lautet: „sympathisch/gutes Auftreten“ – das zeigt die Wahlmotiv-Befragung des Meinungsforschers Peter Hajek. Wie man in der Öffentlichkeit gut ankommt, lernt man im Freiheitlichen Bildungsinstitut in Rhetorikseminaren („Wie gewinne ich mein ‚Publikum‘ für mich?“, „Wie gewinne ich Menschen?“). Hofer ist darin bestens geschult. Selbst wenn er angegriffen wird, bleibt er ruhig oder lächelt sogar.

Attackiert er seine Gegner, verpackt er seinen Angriff oft in nette Worte. Als Erwin Pröll, die graue Eminenz der ÖVP, während des Präsidentschaftswahlkampfes eine ÖVP-Regierungsumbildung auslöste, sagte Hofer über den ÖVP-Kandidaten Andreas Khol: „Dass mittlerweile Österreich von Erwin Pröll regiert wird, ist ja offenbar bekannt. Und mir tut Doktor Khol auch leid, dass er jetzt deswegen auch zum Handkuss kommt, weil es diesen wirklich unangenehmen Streit gibt. Das hat er sich nicht verdient“ („Die 2 im Gespräch“, ORF). Die mitfühlenden Worte klangen sympathisch, hießen zwischen den Zeilen allerdings nichts anderes als: Khol hat keinen Rückhalt in der Partei, ist machtlos und unwählbar. Zu Van der Bellen sagte Hofer: „Weil Sie eben sehr langsam sprechen. Für mich ist das angenehm, weil ich Ihnen da gut zuhören kann“ („Das Duell“, ATV). Übersetzung: Van der Bellen ist träge und alt.

Dabei hat Hofer keine Scheu davor, populäre Politiker zu loben, die nicht zur Wahl stehen. „Vom Außenminister halte ich übrigens sehr viel, weil ich glaube, dass er seine Arbeit sehr gut macht“ („Das Duell“, ORF). „Doskozil, ein Mann aus der SPÖ Burgenland – wir stehen mit der SPÖ Burgenland in Koalition – macht es [als Verteidigungsminister] wesentlich besser. Der bemüht sich wesentlich mehr“ („Die 2 im Gespräch“, ORF). Hofer wirkt damit nicht nur konstruktiv, sondern spricht zugleich die Fans der beliebten Minister Sebastian Kurz (ÖVP) und Hans Peter Doskozil (SPÖ) als Wählergruppen an.

„Hofer macht genau das, wozu wir Kommunikationsberater immer raten“, sagt die deutsche Kommunikationsberaterin Claudia Sawallisch, die Hofers TV-Auftritte verfolgt. „Er gibt dem Publikum das soziale Bedürfnis nach Freundschaft und Zugehörigkeit. Er vermittelt das mit Bildern.“ Während Van der Bellen sein Privatleben in den TV-Duellen ausklammert, benützt Hofer seine Familie, um beim Publikum Sympathiepunkte zu sammeln (siehe auch „Das Opfer“). „Sie können meine Frau fragen, wie wir unser Leben teilen. Meine Frau ist heute nicht da. Sie ist Altenpflegerin und hat morgen Frühdienst. Wir führen eine sehr, sehr partnerschaftliche Beziehung, in der jeder auch seinen Teil beiträgt. Ich bügle auch. Ich mach das auch wirklich gerne“ („Wer wird Präsident. Die Elefantenrunde“, Puls 4). „Ich weiß, Sie wollen nicht, dass meine Frau, die Altenpflegerin ist, sagt, sie wird mich unterstützen auf diesem Weg. Ich bin froh, dass meine Frau Verena mich hier unterstützen wird und bin ihr wirklich sehr dankbar dafür“ („Das Duell“, ATV).

Hofer erzählt in einfachen Worten Geschichten, mit denen sich das Publikum identifizieren kann. Er sei einer der wenigen, „der auch gearbeitet hat in der Privatwirtschaft. Mir sind die Finger angefroren am Triebwerk am Flughafen im Winter in der Arbeit, während andere noch nie in der Privatwirtschaft tätig waren“ („Die 2 im Gespräch“, ORF). „Hofer punktet als Mensch“, sagt Sawallisch, „er stellt sich dazu selbst in den Mittelpunkt. ‚Ich bin ganz glücklich, ich bin ein Teil von euch.‘“

Wie fischt man also zugleich im großen Wählerteich der Alten, Unternehmer und sozial Schwachen und verkauft ihnen nebenbei das Image des bescheidenen Antipolitikers mit großem Herz? So: „Ich habe großes Interesse, die Paralympischen Spiele zu besuchen. Also die Olympiade der behinderten Menschen, weil dort sehr selten hochrangige Politiker sind. Ich habe gesagt, ich will auch ganz oft nur ganz kleine Firmen oder Pflegeheime besuchen. Ich weiß, das werden Termine sein, da werden die Menschen nicht viel davon hören, weil ich das ohne mediale Begleitung machen will“ („Das Duell“, ORF).

Hofer weiß, wie man Kritik ausweicht und dabei eine emotionale Nähe zum Publikum herstellt. FPÖ-Funktionäre lernen die Strategien in Rhetorikseminaren („Wie kommuniziere ich Negatives?“, „Argumente verändern und gezielt platzieren, Umdeutungen als Stilmittel des Politikers“). Ein Beispiel: Hofer kündigte an, er werde seine Macht ausreizen und die Regierung nach Gutdünken entlassen, wenn sie sich in seinen Augen falsch verhalte. Die Machtfantasie sorgte für viel Kritik. Hofer weicht ihr raffiniert aus: „Mir geht es nicht um Macht, mir geht es um das Vertrauen, das ein Bundespräsident erhält bei einer Wahl, wo er direkt von den Bürgern gewählt ist. Und dieses Vertrauen muss genutzt werden“ („Die 2 im Gespräch“, ORF). Aus einem machthungrigen Autokraten wird damit ein Anwalt der Bürger, der bloß im Interesse der Menschen die Demokratie destabilisiert.


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