Selbstversuch

Das ist wie mit den Löchern in den Jeans

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 46/16 vom 16.11.2016

Der Kollege Dings sagt, eins ist sicher, seine Kinder kriegen nie ein Smartphone. Die Kinder vom Kollegen sind so was wie fünf und sechs Jahre alt. Wenn fünf- oder sechsjährige Kinder etwas wollen, was man ihnen nicht geben will, verhandelt man pro forma mit ihnen, gibt ihnen dann stattdessen Schokolade oder geht mit ihnen in den Prater, passt, jedenfalls habe ich das so ähnlich in Erinnerung. Es ist ein bisschen ein Unterschied, wenn die Kinder zehn oder elf sind und ein Smartphone wollen, weil Zehnelfjährige Kinder ganz andere Argumentationsstrategien haben und um einiges zäher sind, wenn sie was wollen, und selbst Eltern mit ganz, ganz klaren hegemonialen Ansichten sieht man da oft herzhaft eingehen. Und wenn die Kinder zwölfdreizehnvierzehn sind, kannst du dir deine Ansichten zum Thema moderne Kommunikations-und Spaßelektronik sowieso einmargerieren.

Einer der Teenager ist unlängst auf sein Handy getreten, das Display hielt nur noch dank der Schutzfolie zusammen, die die Strebermutter draufgepickt hatte. Das ging eine Zeitlang gut, von Rissen durchzogene Displays sind heutzutage eine Art Trophäe, das ist so wie die Risse und Löcher in den Jeans, bald wird man Smartphones nur noch mit ruinierten, hübsch zersprungenen Displays kaufen können, gegen einen schönen Aufpreis natürlich, weil das ist ja Produktionsaufwand, das so perfekt zu zerstören, oder. Irgendwann fladerte die Mutter der Teenagerin nachts, als die wegen Schlafs nicht aufpasste, das Smartphone, ganz ähnlich wie man früher, als sie so vier war, den Baumeister-Bob-Handschuh vorsichtig von der Hand streifte, den das Kind seit drei Wochen ohne eine einzige Unterbrechung getragen hatte und der bereits zu leben anfing. Man brachte das Handy in der Früh in den Shop zur Reparatur, ohne sich um ein Ersatzhandy zu kümmern, weil man hatte zu Hause noch irgendein altes entsperrtes Telefon herumliegen. Das ging dann natürlich nicht, und der Teenager hatte dann erst einmal kein Handy. Drei Wochen lang.

Die Bilanz: Es wurden zwei Bücher gelesen, das sind zwei mehr als im gesamten letzten Jahr (Urlaub ausgenommen). Allerdings hätte der Teenager beinahe all seine Freunde verloren, denn der junge Mensch kommunziert heutzutage ausschließlich über WhatsApp-Chats, und wer kein WhatsApp hat, nimmt nicht am sozialen Leben teil bzw. hat gar kein Leben. Dann schick doch Mails oder Facebook-Nachrichten vom Computer. So was liest doch keiner!! Dann skype halt. Skypen tut man offenbar heute nur noch mit Freunden auf Auslandsjahr in Übersee oder mit ganz, ganz alten Menschen.

Die Mutter erbarmte sich schließlich und besorgte doch noch ein Ersatzhandy, gerade noch rechtzeitig, bevor der Teenager im Freundeskreis endgültig in Vergessenheit geriet und in die totale Isolation abrutschte. Das geht nämlich heutzutage viel schneller, als man glauben würde. Dem Kollegen Dings werden das seine Kinder auch noch beibringen, denke ich.


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