Superamas' Dystopie: Vom Ersten Weltkrieg zu Marine Le Pen


THEATERKRITIK: MARTIN PESL
Feuilleton | aus FALTER 46/16 vom 16.11.2016

Als "Vive l'Armée" im nordfranzösischen Amiens am 7. November Premiere hatte, gab es noch keinen designierten Präsidenten Donald Trump. Auf der Bühne aber fand sich ein dystopisches Frankreich der näheren Zukunft mit einer Präsidentin, die eindeutig auf Marine Le Pen verweist. Sie lobte am Ende das Militär dafür, eine grellbunte Geiselnahme im Hollywood-Actionstil durch Tötung der Terroristin beendet zu haben.

Es ist bemerkenswert, wie viel das international zusammengesetzte Kollektiv Superamas mit Basis in Wien in seine knapp 70-minütige Performance hineingepackt hat. Im Zuge einer ausgiebigen Recherche zum Ersten Weltkrieg stellte es mit französischen Schulklassen Bilder aus Stanley Kubricks Film "Wege zum Ruhm" nach und ließ sie mit dem Historiker Jacques Pauwels diskutieren. Das Material ist in den Abend eingebunden, als Gegenüberstellung zu den live inszenierten heutigen Kriegsfantasien.

Man erhält aber nicht nur lehrreiche Informationen, rundherum gibt es zeitgenössischen Tanz, Licht- und Dampfeffekte und sogar eine kleine Modenschau. Auch das von den Superamas gewohnte Playback zu eingespielten Actionfilm-Sprüchen kommt zur amüsanten Anwendung.

Dieser poppige Zugang erscheint ratlos, aber schlüssig: Am glatten Chic des Geschehens vorbei soll sich beim aufgeklärten Zuschauer ein "Ja, aber " formulieren. Lösungsvorschläge gibt es keine. Alter und neuer Nationalismus stehen unkommentiert und ästhetisch aufgehübscht nebeneinander.

Ab 24. November zeigen die Superamas ihr Stück im Tanzquartier Wien. Ob man sich bis dahin vom Wahlschrecken erholt hat oder nicht, die Aufführung wird in einem anderen Licht erscheinen. Mehr als vorher wird die anhaltende Schockstarre der Kunst offenliegen, die verwirrenden Entwicklungen nur plakative Szenarien entgegenzusetzen weiß. Der Aufführungsbesuch und eine Diskussion danach werden sich trotzdem lohnen.

Tanzquartier Halle G, 24.-26.11., 19.30 Uhr. Der Premierenbesuch in Amiens erfolgte auf Einladung des Tanzquartiers


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