Film Retrospektive

Abbas Kiarostami -eine Retrospektive als Nachruf

Lexikon | GERHARD MIDDING | aus FALTER 46/16 vom 16.11.2016

Das Schöne an den Filmen Abbas Kiarostamis sei nicht ihre Geschichte, stellte sein mexikanischer Kollege Carlos Reygadas einmal fest. Nein, sie beruhe auf der Schönheit eines fahrenden Autos und des Geräusches, das dabei entsteht. Tatsächlich war der Iraner unter den Gegenwartsregisseuren der wohl überzeugteste Automobilist. In "Der Geschmack der Kirsche" und "Der Wind wird uns tragen" verspüren seine Figuren beim Fahren ein stärkeres Selbstgefühl und die Perspektive des Fahrersitzes schärft ihren Blick auf die Welt; selbst wenn die Exkursionen nur das Präludium eines Selbstmordes sind. "10" spielt gar vollständig in einem Kleinwagen, den Kiarostami mithilfe einer agilen Digitalkamera als einen begrenzten Freiraum erkundet, in dem sich durchbuchstabieren lässt, was es heißt, im Teheran der Gegenwart eine Frau zu sein.

Seine Kunstfertigkeit erfüllt sich gleichermaßen in der Präsentation wie im Vorenthalten. Die Außenwelt darf freilich poetisch intervenieren, darf hineinwirken in diese Kapsel des Privaten. Seine schauenden Figuren zeichnet eine Bereitschaft aus, sich befruchten und verändern zu lassen durch Begegnungen. (Gibt es einen tröstlicheren, optimistischeren Filmtitel als "Der Geschmack der Kirsche"?) Diesen Prozess darf man getrost als Metapher für die Methode Kiarostamis betrachten. Der Regisseur, den man nie ohne Sonnenbrille sah, löst sich mit jedem Film aus dem Korsett eines etwaigen Vorhabens, weil ihm die Wirklichkeit ihre eigenen Gesetze auferlegt. Der Blick des gelernten Malers ist durch die persische Dichtkunst geschärft: Die kleinen Wunder des Alltags und des Zufalls scheinen reicher als die Fantasie des Kinos. So wird die Unterscheidbarkeit von ge- und erfundenen Bildern getilgt und der Mensch kann aufgehen im Panorama der Elemente.

Bis 30.11. im Österreichischen Filmmuseum


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