UNSERES.

Ein Asylwerber klettert auf eine Straßenbahn und greift nach der Oberleitung. Im Internet entlädt sich der Hass auf den Fremden. Die Schriftstellerin Elfriede Jelinek hat darüber ein Stück geschrieben. Ein Auszug

Von Elfriede Jelinek | Feuilleton | aus FALTER 47/16 vom 23.11.2016


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Was, der Vater tot, der Vater tot? Was regen Sie sich auf? Jeder Vater stirbt, Ihrer halt jetzt, gestern, heute, morgen, übermorgen ein andrer, egal, ermordet, sagen Sie? Das können wir glauben oder auch nicht. Und deshalb sind Sie so unglücklich, daß Sie in den Strom nur greifen wollen, anstatt sich zur Gänze hineinzuschmeißen? Da fließt er doch, schon lang fließt er dahin. Worauf warten Sie? Der eine fließt, der andre auch, selbst wenn Sie nicht da sind. Gehts noch? Daß Sie sich auf die Schienen legen? Nicht auf die Schienen, da ist nichts drin für Sie, null Spannung. Gehts noch? Also für die Straßenbahn gehts nicht mehr, die gehört uns allen, keiner hält sie auf, keiner hält uns auf! Der Weg, egal wohin, kann beschwerlich sein, der Weg wird kein leichter sein, wir brauchen das Gefährt, das Sie da jetzt auf seiner Bahn aufhalten. Die Bahn will doch ihre Bahn entlangfahren! Was haben wir da? Wer ist da? Ein Toter, der keiner ist, eine Straßenbahn, die nicht mehr fährt. Sie muß warten. Alles steht. Der Stromabnehmer nimmt Ihnen das nicht ab. Bitte, ich bin auch Stromabnehmer! Ich nehme soviel Strom ab, wie ich halt brauche. Die drängenden Fragen bleiben. Wie soll jetzt die ganze Energie übertragen werden? Die muß ja von der Leitung ins Fahrgerät! Haben wir hier einen Stangen- oder einen Rollenstromabnehmer? Keine Ahnung, ich habe hier eine andre Rolle zu spielen, die man mir nicht abnimmt und abkauft schon gar nicht, ich bin es ja, die dem Abnehmer den Strom abkauft, nein, ich bin der Abnehmer, und der Stromverkäufer bietet mir einen Preis, aber einen Preis habe ich schon. Meine Rolle ist: zu jammern, wie immer. Anzuklagen, auch wie immer. Zu klagen, das sowieso. Und Sie, und Sie dort? Wir haben einen Termin, wir müssen wo sein, Sie müssen das nicht, Sie, ja, der Mann auf den Geleisen, Nullstrom? Nein, Neutralstrom. Ja, Sie meine ich, nicht den Strom, der hört ja nie zu. Sie Mann: Was zucken Sie? Nein, Sie zucken ja gar nicht, Sie kommen an den Strom doch nicht mal heran, nicht mal in die Nähe, wo andre fröhlich schwimmen, Schalter an, Schalter aus, der Weltenwender greift nicht ein, der stellt den Strom nicht her, der verkauft ihn nur, man sieht ihn nicht, doch es wirkt! Die Bim, sie fährt. Nein, sie fährt jetzt nicht. Wird eine Weile dauern, dieses Mannes wegen, ich hör sein weises Ja, aber noch tut er nichts. Rettung naht. Mit seinem Blut befleckt euch jetzt bitte nicht! Es wird aber eher eine Brandwunde sein, es werden kleine Löcher sein, Ein- und Austritt gratis, nein, nichts ist umsonst, nur der Tod, und der kostet zumindest ein Leben, weitere Leben sollen folgen. Es wird gar nichts sein, wer unterwirft sich fremdem Zwang? Wir vielleicht, der nicht, sonst wäre er nicht hergekommen. Und da gibt er sein Leben frei in unsre Hand, er reicht dem Strom die Hand, der sie nicht will und auch nicht gern entgegennimmt, die Hand, den Fuß, was immer man ihm reicht, er geht einfach durch. Ich übersteige mühsam mein erstes Wort, doch das erste ist es nicht, viele sind ihm vorangegangen; der Mann erklimmt die Bim, mein Wort hat schon mindestens zwei weitere Worte überstiegen, alle vollkommen, alle meine Worte vollkommen verloren, wie Ihre Tat, mein Herr, nein, Sie sind nicht mein Mann, das würden Sie auch nie sein wollen, mein Herr, und Rede besiegen Sie mit neuer Rede. Haben Sie was gesagt? Ich habe nichts gehört.

Sie, wer Sie? Sie, keine Ahnung, selber keine Ahnung, Sie wissen nichts, Sie wissen aber, daß er da ist, der Strom, in der Schiene null, tot, tote Hose, aber oben, da muß es britzeln, sonst fährt der ja nicht, der Zug, und da greifen Sie jetzt hin, vergessen Sie den Bügelstromabnehmer, vergessen Sie das Bügeln überhaupt, Sie Kalauerhasser, auf Sie hab ich es abgesehn! Es nützt mir nichts. Jetzt laut schreien, dann hören wir die andren Schreie nicht. Also Mann, bitte, greifen Sie zu, und Sie tun es wirklich, ist das zu fassen! Sie wissen, er ist dort zu Hause, der Strom, die Schienen sind, wie gesagt, aber ich kann mir nichts darunter vorstellen, obwohl ich selbst eine Null bin, die Schienen sind der Nullleiter, die Oberleitung ist die Phase, sonst täte sich das Fahren schwer und würde zur Gefahr, es ist, glaub ich, ganz anders, es ist umgekehrt, es ist nicht einmal umgekehrt, es ist einfach nur: anders. Also die Schienen sind auf Erdpotential, und die Oberleitung hat ein Potential von 600 Volt, immerhin, andre haben gar kein Potential, das haben wir gleich gesehen, wir sehen ja immer nur die anderen. Sie tun das einzig richtige, der Strom ist hier bei uns zu Hause, was Sie nicht sind, Sie sind nirgends mehr zu Hause, und ausgerechnet an dieser Leitung klopfen Sie an. Wissen nicht, wie man richtig in den Strom eingreift, dabei ist der doch die ganze Zeit da, ja, dort oben, das heißt aber nicht, daß Sie ihn so einfach angreifen dürfen. Sogar wenn wir nicht da sind, ist der Strom immer noch in seinem Bett dort droben, in seinem Bett in den Wolken, nein, so hoch nicht, aber schlafen tut er dort nicht, der wälzt sich herum, es ist Wechselstrom, da bin ich mir jetzt aber gar nicht sicher, könnte auch Gleichstrom sein. Ja: Gleichstrom. Man muß nur nachschauen, schon hat Wiki es gewußt, und Sie wissen es jetzt auch. Wenn man einen Gleichstrommotor umpolt, dann läuft der ja in die Gegenrichtung, und der Fahrer muß flux, flucks, verfluckst zu wem, zu wem bitte, zum Umkehrhebel greifen, wenn der Zug noch unter dem Trenner ist, ich verstehe kein Wort, weiß aber, daß Sie daß Sie daß Sie sich von ihrem Leben jetzt trennen wollen, Sie werden gute Gründe dafür haben, egal welche, wir unterstützen Sie voll. Gefällt mir, gefällt mir. Antworten. Antworten.

Was ist mit dem Strom los? Was ist mit ihm los? Wo ist der Stromschlag geblieben, der haut doch sonst gleich zurück, der Gleichstrom, der wartet nur darauf, daß Sie auf ihn zugreifen und an ihm hängen, nein, kleben. Hier ist die Lampe, dort der Löter, das Buch, das Papier, der Stift. Wissen Sie überhaupt, was der Strom macht, wenn Sie nicht zu Hause sind? Sie wissen es nicht, wie können Sie sich mit etwas umbringen, das Sie gar nicht kennen? Na, ich weiß es auch nicht, mich dürfen Sie nicht fragen, ich hab das selbst alles abgeschrieben, während Sie sich selbst noch viel früher abgeschrieben haben, und wenn nicht, dann werden Sie abgeschrieben. Dabei sind Sie, wie alle Menschen, doch nur die Kopie einer Kopie einer Kopie, alle ein und dasselbe, nichts Besondres, nichts Bestimmtes weiß man nicht. Ich warte auf Ihr weises Ja. Es kommt nicht. Ihr Blut komme über uns und unsre Kinder, na, ich habe zum Glück keine. Laß von der Hand des Stroms dich sterben, wenn du es so willst. Hülle deinen Leib ins Kleid, nein, das müssen Sie nicht machen, das lassen wir jetzt aus, das ist für Damen. Hat die Regierung der Stadt jetzt schon am Strom gespart, daß Sie immer noch nicht tot sind, oder kommen Sie nur einfach nicht ran, erreichen Sie nichts, oder was oder wie? Wieso holt sich die Regierung nicht ihr Eigentum zurück, auf das Sie da zugreifen wollten, ohne jede Berechtigung, vor unseren Augen, die alles sehen und mit deren Hilfe wir sogar filmen und fotografieren und das alles auch noch verschicken können an solche, die so klug sind wie wir, aber nicht klüger, das ist die Voraussetzung, wie beim Strom muß es immer ein Gefälle geben, das uns anregt und etwas anderes antreibt, und in diesem Fall ist es die Dummheit der anderen. Dies ist schon genug, wir haben schon genug von ihnen, dennoch schicken wir ihnen alles zu, was wir haben, je mehr desto besser. Was sagen Sie da? Wir sollen keine Angst haben, weil Ihr Blut uns nicht befleckt, habe ich das vorhin nicht ganz anders verstanden? Sie wollen uns nicht beflecken, Sie Opfer, Sie sterben frei, verstehen Sie nicht, daß uns das wurst ist, Hauptsache, Sie sterben? Sagen Sie Alter zum Strom, das wäre angebracht, denn er ist wirklich sehr alt und kann noch dazu immer wieder verwendet werden, die Ionen kommen immer mal wieder vorbei an einer Stelle, die sie schon kennen, Wiedersehn macht Freude, und dann gehen sie, um wiederzukehren. Der Strom: eine freie Bewegung, nein, eine gezielte Bewegung freier Ladungsträger, Elektronen oder Ionen, es muß jedoch ein Abstand sein, damit er fließen kann, zwischen zwei Ladungsträgern müssen genug freie Ladungen vorhanden sein, sonst geht gar nichts. Wenn etwas fließen soll, braucht es Platz, nicht einfach nur Leere, sondern einen geladenen Platz. Einen Platz, wo wir geladen sitzen und schreien. Dies hier ist unser Platz, und geladen sind wir auch? Wo bleibt da die Spannung? Wo ist das Problem? Also zwischen zwei elektrischen Ladungen müssen genug freie Ladungsträger vorhanden sein, doch soviel Freiheit ist ja gar nicht vorhanden, jedenfalls nicht hier. Ich verstehe kein Wort. Das ist ja das Schöne. Ob ich es verstehe oder nicht, der Strom fließt dahin, ruhig und unbeschwert, deswegen muß er ja immer was antreiben oder Licht machen, sonst wird ihm fad. Menschen halten Freiheit nicht aus, nein, Leere auch nicht, es muß immer etwas klingeln oder, das Wort fehlt mir jetzt, es ist auf stumm gestellt, vielleicht schnarren?, der Strom hält sie auch nicht aus, es müssen immer diese freien und beweglichen Lastenträger, nein, Vollast, geht nicht, also diese Ladungsträger vorhanden sein. Das habe ich oben schon gesagt, ich muß aufpassen, daß ich nicht alles mehrfach sage, was ich immer tue, Sie haben es aber schon beim ersten Mal nicht kapiert. Also. Dieser Mann will durch den Strom sterben, er will, daß die elektrische Ladung er selbst ist, er will den Strom mit sich selbst bemühseligen, aber er ist nicht frei, er ist kein Einladungsträger, wer soll denn den eingeladen haben?, also ich nicht, er ist nicht beweglich, obwohl er von weither kam. Ein Reisender. Ein teurer Reisender, uns nicht teuer, aber es hat trotzdem viel gekostet. Ausgerechnet zu uns ist er gereist. Dafür macht er viel Wind im Sozialen, und schon auf dem Meer war der Wind ihm nicht günstig. Der Mann beschäftigt uns, indem er den Strom beschäftigt halten will. So bricht er auf zum harten Opfergang, wenn wirklich er des Vaters Sohn er ist, ja, einen Vater wird er schon haben oder gehabt haben. Oder er wird eine Tochter sein. Oder er wird gar nichts sein. Und er wird im Arm von Männern sterben wollen. Die toten Frauen wollen in Frauenarmen sterben, die Männner in Männerarmen, da kennen sie nichts, das wollen sie so haben. Fragen Sie Mohammed Pril oder Atta oder wie er geheißen hat. Das war so tief, ich staune selbst. Wo ich mich doch im Tiefen gar nicht zu schwimmen traue.

  6158 Wörter       31 Minuten
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