Kunst Kritik

Mit einem blauen Augen davongekommen

NS | Lexikon | aus FALTER 47/16 vom 23.11.2016

Es ist bezeichnend, dass das Gemälde, das als Titelsujet zur aktuellen Schau "Die bessere Hälfte - Jüdische Künstlerinnen bis 1938" dient, verschollen ist. Bei dem prägnanten Selbstporträt, das die Künstlerin Bettina Ehrlich-Bauer 1928 als moderne Frau mit Zigarette zeigt, handelt es sich lediglich um eine nachkolorierte SW-Fotografie aus dem Belvedere-Archiv. Denn als die Nichte von Adele Bloch-Bauer 1938 nach England emigrieren musste, brachte sie die Arbeiten ihres Mannes Georg Ehrlich in Sicherheit -und ließ ihr eigenes Frühwerk in Wien zurück.

Die verdienstvollen Recherchen der Kuratorinnen Andrea Winklbauer und Sabine Fellner förderten 44 Künstlerinnen ab 1900 zutage, deren Stile freilich komplett unterschiedlich sind, die aber durch patriarchale Ausschlussmechanismen und spätere Verfolgung oft ähnliche Biografien haben. So nahmen etwa viele Töchter aus jüdischen Familien künstlerischen Privatunterricht, weil die Kunsthochschulen erst ab den 1920er-Jahren Studentinnen zu Malerei-Klassen zuließen. Dabei bietet die Schau viele Überraschungen, etwa die große, ausdrucksstarke Marmorfigur "Hexe bei der Toilette für die Walpurgisnacht" der vergessenen Bildhauerin Teresa Feodorowna Ries oder ein unidealisiertes Mutterbild von Helene Winger-Stein.

Die elongierten Keramikfiguren von Vally Wieselthier gewinnen durch die Präsentation neben den sarkastischen Drucken von Margarete Hamerschlag. Die aus Wien stammende Bauhauskünstlerin Friedl Dicker lässt bei ihrem eindrucksvollen Bild "Das Verhör" in schwarze Augenhöhlen blicken. Bereits 1934 als Kommunistin verhaftet, wurde sie zehn Jahre später in Ausschwitz ermordet. Solche abgründigen Bilder, wie auch das "Selbstporträt mit blauem Auge" von Edith Kramer, die in den USA die Kunsttherapie mitbegründete, gehen nahe.

Jüdisches Museum, bis 1.5.


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