Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Propheten

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 47/16 vom 23.11.2016

Diese Kurzserie darf in dieser Rubrik nicht vergessen werden: "Kuratiert von Pt Ralon, Konzept nach Roland Barthes: Moustache in Progress" war das Kästchen beschriftet. Es zeigte die Antlitze von neun ernst blickenden jungen Männern, allesamt Falter-Mitarbeiter. In der Vorwoche war die erste Ausgabe erschienen, und nun spross es bereits auf den Oberlippen mehr oder weniger zart. Noch bis zum Jahresende sollte uns dieses Kästchen begleiten. Das fanden wir lustig!

Sonst war die Stimmung nach der Wiener Gemeinderatswahl gedrückt. Rot-Schwarz zeichnete sich ab, die Koalition, die niemand wollte. Der Falter tat, was er konnte, berichtete, dass Grüne und Liberales Forum der SPÖ ein seriöses Angebot unterbreitet hatten, aber die Zeichen standen schlecht. Da konnte Peter Pilz, der Klubobmann der Rathaus-Grünen, noch so räsonieren: "Wir Wiener Grünen stehen derzeit wie in einem Schwimmbad am Bassinrand. Etliche wollen nicht in das kalte Wasser springen. Und ich sage: Genau jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, sich darauf einzulassen. Die SPÖ geht gerade mit der ÖVP eine Übergangskoalition ein. Das ist eine Regierung von gestern. Die SPÖ sieht aber, dass sie bereits über eine Regierung von morgen nachdenken muss. Wir Grünen haben dann in Wien erstmals die Chance, neue Mehrheiten zu bilden. In Wien wird dann die Generalprobe für neue Mehrheitsverhältnisse stattfinden."

Diese strategische Weitsicht nützte Pilz in seinen parteiinternen Verwicklungen vielleicht ein wenig; denn er selbst war als Klubobmann zu diesem Zeitpunkt so gut wie abgesetzt.

In Europa diskutierte man derweil über die Währungsunion. Klaus Taschwer interviewte dazu den in den USA lehrenden englischen Historiker Tony Judt, der gerade sein Buch über die "Große Illusion Europa" veröffentlicht hatte. Er sagte: "Wenn man die schwierige Umgestaltung des Wohlfahrtsstaates mit der Schaffung einer Währungsunion verknüpft, wie das zurzeit geschieht, dann ist das natürlich ein Zuckerl für Herrn Haider und Monsieur Le Pen."


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