"Null Zeichen, nichts ist geschafft"

Der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre über Schreibangst, Drogensucht und Udo Lindenberg

Lexikon | Interview: Sebastian Fasthuber | aus FALTER 47/16 vom 23.11.2016


Foto: Julia Zimmermann

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Nach langen Jahren, in denen ihn die Drogensucht fast auffraß und ihm schreiberisch nichts gelingen wollte, schaffte der einstige Popliterat Benjamin von Stuckrad-Barre, 41, mit dem autobiografischen Roman „Panikherz“ heuer ein fulminantes Comeback. Diese Woche liest er im Wuk daraus.

Falter: Herr von Stuckrad-Barre, „Panikherz“ handelt von Ihrer schleichenden Selbstzerstörung über Jahre hinweg. War es klar, dass Sie später darüber schreiben würden?

Benjamin von Stuckrad-Barre: Dass ich diese vergeudeten Jahre der Sucht irgendwann erzählerisch ausbeuten würde, wusste ich immer, so habe ich mir meine Schleuderkursjahre währenddessen schöngeredet: Es ist auf jeden Fall ein großes Buch, das ich gerade erlebe. Diese Haltung war durchaus suchtverlängernd.

Sie schreiben klar und schonungslos über Ihre Sucht. Wie lang haben Sie nach dem richtigen Zugang gesucht? 

Stuckrad-Barre: Jahrelang. Ich habe es immer wieder versucht, war aber nie zufrieden damit. Und ich hatte auch Angst, weil ein erster Versuch, über meine Drogenabhängigkeit zu schreiben, vor zwölf Jahren einen massiven Rückfall bewirkt hat. Durch das Schreiben wurde der Rausch und alles damit Zusammenhängende so gegenwärtig, dass ich direkt wieder reingerutscht bin und nochmal ein gutes Jahr weitermachen musste mit dem Schwachsinnsprogramm. Mit fast zehn Jahren Abstand ging es plötzlich, weil ich genug Distanz hatte zum Stoff: Abstand zum Erzählstoff, aber eben auch zum Suchtstoff.

Die zweite Hauptfigur des Buches ist Udo Lindenberg. Wie würden Sie die Beziehung zu ihm beschreiben?

Stuckrad-Barre: Es ist eine tiefe Freundschaft. Sie reicht zurück bis in meine Kindheit, allerdings ist der Beginn unserer Freundschaft sehr einseitig. Mit etwa zwölf Jahren hörte ich zum ersten mal eine Udo-Platte, und das war ein Stromschlag. Dass der echte Udo mir dann später ganz konkret half in einer existenziellen Notlage, ist natürlich völlig irre, wenn ich das spiegle an meiner Kindheitserinnerung: wie ich da als Zwölfjähriger auf dem Teppich liege und in Dauerschleife seine Lieder höre. Heute ist Udo für mich Familie. Er ist einfach der Allergrößte, eine Jahrhundertfigur, man kann so viel von ihm lernen.

Sie haben sich an ihn gewandt, als klar wurde, dass Sie von Alkohol und Drogen weg müssen. Dabei war er selbst nie ein Kind von Traurigkeit.

Stuckrad-Barre: Eben. Als Drogenabhängiger weiß man, was die Drogenberatungsstelle einem empfehlen würde. Aber was große Helden, die das alles auch hinter sich und überlebt haben, dazu sagen, ist um einiges interessanter. Bei denen ist man sicher, dass sie nicht moralisch argumentieren und ganz generell den Rausch befürworten, nur eben bestimmte Grenzen für sich selbst gezogen haben, weil sie sich unterm Strich dann doch für das Leben entschieden haben. Wenn einem so jemand sagt, du musst jetzt echt mal aufpassen – das dringt sogar in den Realitätsvermeidungsschädel eines Süchtigen vor.

Eine kitschige Läuterungsgeschichte ersparen Sie dem Leser.

Stuckrad-Barre: Freut mich, wenn Sie das so sehen. Nichts ist trostloser als geläuterte Ex-Junkies, die Sonnenaufgangsyoga und frisch gepresste Säfte empfehlen. Ich bin weiterhin großer Befürworter von Nacht und Rausch, nur kann ich selbst einfach bestimmte nächtliche Abzweigungen nicht mehr nehmen, weil ich sonst ziemlich bald sterben würde, das ist einfach so. 

Wo holen Sie sich heute den Rausch?

Stuckrad-Barre: Jedenfalls nicht mehr am Bahnhof.

Entstanden ist das Buch im Hotel Chateau Marmont in Los Angeles. Wie kam es dazu?

Stuckrad-Barre: In einer tiefen Winterdepression sagte Udo zu mir: „Komm, Stuckiman, lass uns mal nach Los Angeles fliegen, die Sonne abholen, hm?“ Als wir dort waren und es mir direkt viel besser ging, bin ich einfach geblieben und habe meine Schreibangst überlisten können, indem ich einfach losgelegt habe. Dort im Licht und in der Fremde war urplötzlich diese Scheißangst weg, die mich zuvor jahrelang blockiert hatte.

„Soloalbum“ war der Debüt-Smash, „Panikherz“ ist das Comeback. Wird es noch einen dritten Roman geben?

Stuckrad-Barre: Ich habe wieder Zutrauen in mein Schreiben, das ist schon mal was und für mich der eigentliche Erfolg von „Panikherz“. Allerdings bin ich ein unvernünftiger, unwirtschaftlicher Autor. Ein guter Freund sagte mir, eigentlich seien es drei Bücher, und ich hätte sie einzeln veröffentlichen sollen. Aber leider muss ich immer so vorgehen, als gäbe es nur dieses eine Buch, an dem ich gerade arbeite, und da muss alles hinein. Was zur Folge hat, dass ich jetzt überhaupt keine Ahnung habe, was ich als nächstes schreibe. Das ist ein bisschen beängstigend, aber irgendwie auch herrlich: Alles wieder von vorn, null Zeichen, nichts ist geschafft.

Wuk, Mi 20.00


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