Theater Kritik

Szenen einer Ehe auf dramatischer Höhe

Lexikon | MP | aus FALTER 47/16 vom 23.11.2016

Medea ist der Farbtupfer in der edelstählern gesitteten Griechenwelt. Mit ihrem Ehemann Jason findet die "Wilde" nach einer turbulenten Flucht und zwei Kindsgeburten bei König Kreon und seiner Tochter Kreusa Aufnahme. Aber sie kann sich nicht recht mit den lokalen Sitten anfreunden, ist weder willkommen noch willig. Aus politischem Kalkül lässt Jason schließlich zu, dass Medea verbannt wird, und wendet sich der Jugendliebe Kreusa zu. Die Abgeschobene geht zum Rundumschlag über, tötet gar ihre eigenen Söhne. Das Symbol für Integrationswillen, den Walzer, den sie vorher partout nicht lernen konte, beherrscht sie plötzlich.

Volkstheater-Direktorin Anna Badora leuchtet die tragische Sage von "Medea" in der Version von Franz Grillparzer kalt an. Den Schlussteil der Trilogie "Das goldene Vlies" spickt sie mit Momenten der ersten zwei Teile, um die vorprogrammierte Ehekrise psychologisch zu erklären. Der Handlung lässt sich dadurch trotz artifiziellen Versmaßes gut folgen. Schöne Bilder, die Traum und Trauma suggerieren, und der sparsam stechende Streichersound von Klaus von Heydenaber halten die Aufmerksamkeit des Publikums jedoch an der Oberfläche.

Der Star des Jahres, Stefanie Reinsperger, spielt die Titelrolle mit der gebotenen professionellen Emotionalität, die am Ende -verständlich, da selbst ihre Kinder sie verschmähen - zur Hysterie ausartet. Ständig auf 180 weist sie mit dramatischer Schärfe von Anfang an alle Sympathien von sich. Gábor Biedermanns Jason ist berechnend, aufbrausend, die Kreusa bei Evi Kehrstephan fast zu hilfsbereit gegenüber Medea, dafür, wie selbstzufrieden sie grinst, als ihr Vater (ein nonchalant pragmatischer Günter Franzmeier) ihr Jason an die Hand gibt.

Handwerklich einwandfrei präsentiert Anna Badora großes Theater, das man bisweilen gern etwas kleiner gesehen hätte.

Volkstheater, Sa 19.30, So 15.00


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