Film Neu im Kino

Die Würde der "kaputten" Rädchen


Sabina Zeithammer
Lexikon | aus FALTER 47/16 vom 23.11.2016

Puh", seufzte kürzlich ein Viennale-Besucher im Kinofoyer, in "Ich, Daniel Blake" habe er keine Sekunde lang aufatmen können, so unerbittlich traurig sei der Film gewesen. Ganz so extrem verhält es sich mit Ken Loachs neuem Werk zwar nicht, ohne einen Kloß im Hals verlässt man das Kino aber nur schwer. Und das ist gut so, verfolgt der britische Regisseur mit seinen gesellschaftskritischen Filmen doch das Ziel, etwas in seinem Publikum zu bewegen.

Die Titelfigur von "Ich, Daniel Blake", der heuer in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, ist ein nach einem Herzinfarkt arbeitsunfähig gewordener 59-jähriger Tischler (Dave Johns). Beim Arbeitsamt kommt diese Information jedoch nicht an, sodass er sich in der zunächst mit Sarkasmus betrachteten, später zehrend-kafkaesken Situation wiederfindet, Arbeit suchen zu müssen, die er nicht annehmen darf.

Während er mit Onlineformularen ringt, um gegen den falschen Bescheid zu berufen, lernt er die junge Katie (Hayley Squires) kennen. Die alleinerziehende, arbeitslose Mutter von zwei Kindern muss sich zwischen Schulsachen, Essen und Heizkosten entscheiden. Daniel wird für alle drei zu einem (groß-)väterlichen Freund, der reparieren, improvisieren und Halt geben kann. Hier schlägt das warme Herz des Films, ist auch Platz für zarte Komik.

Doch die Not und Verzweiflung, gegen die die Figuren ankämpfen, lässt sie nicht los. Schmerzhaft und eindringlich skizziert Loach die Existenz unter der Armutsgrenze und die entwürdigende Behandlung als "kaputtes" Rädchen in einem von Kürzungen geprägten Sozialsystem. Getragen von einem großartigen Schauspielerensemble steigert sich der Film zu einer bitteren Anklage, die man in den Vorweihnachtskonsumklimbim mit hinausnimmt.

Ab Fr im Kino (OmU im Votiv)


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