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Warum laden Sie Suchtkranke zum Frühstück ein, Herr Dressel?

Politik | Interview: Josef Redl | aus FALTER 47/16 vom 23.11.2016

Die Krone hatte sich wieder einmal die Schwächsten der Gesellschaft ausgesucht. "Sie spritzen kein Opium? Nehmen kein LSD? Dann haben Sie, liebe Leser, leider keinen Anspruch auf ein vom Wiener Steuerzahler finanziertes Gratisfrühstück", ätzte Redakteur Richard Schmitt auf krone.at über das Angebot einer Drogenberatungsstelle. Wiens Suchtkoordinator Michael Dressel erklärt, warum niederschwellige Angebote wie ein Frühstück wichtig sind.

Die Suchtberatungsstelle Change lädt Suchtkranke zum Frühstück ein. Warum?

Der Gedanke ist ein uralter: Wenn man gemeinsam einen Kaffee trinkt, kommt man leichter ins Gespräch, als wenn man an einem Schreibtisch sitzt. Das ist eine rein kommunikative Überlegung. Dazu kommt, dass Suchtkranke tendenziell unterernährt oder falsch ernährt sind.

Hilft ein Frühstück dabei, Suchtkranke für Beratung zu gewinnen?

Ja. Das ist besonders schwierig. Suchtkranke sind stigmatisiert. Daher ist eine Scheu da, Einrichtungen in Anspruch zu nehmen.

Man muss also eine Vertrauensbasis schaffen?

Das ist für jede Betreuung der erste Schritt. Wenn der nicht gelingt, gelingt gar nichts. Da braucht man an Therapie gar nicht zu denken. Viele schaffen ja die Abstinenz nicht. Die therapeutische Arbeit ist sehr komplex. Das geht von Regelung der Lebensumstände, Wegen raus aus der Kriminalität über Substitution bis hin zu einer umfassenden Therapie der eigentlichen Suchtproblematik.

Viele Anrainer waren besorgt, als die Beratungsstelle Change eröffnete. Wie ist das Verhältnis zu den Nachbarn?

Ich würde sagen, es ist zu 99 Prozent entspannt. Deswegen ist es ja besonders abstrus, hier Konflikte herbeizureden.

Hat Sie die Berichterstattung der Kronen Zeitung überrascht?

Dass Futterneid gegenüber kranken Menschen ausbricht, da fehlen mir eigentlich auch die Worte.


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