Prügel, Strafe und Tabu

Millionen Menschen schockiert das Gewaltvideo aus Kagran. Was genau ist es, das uns dermaßen aufregt?

Politik | Erklärungsversuch: Sibylle Hamann | aus FALTER 47/16 vom 23.11.2016

Erstens: Ein Mädchen wird minutenlang geschlagen, die Handykamera hält drauf. Zeigt das die "Verrohung der Gesellschaft", wie Bundeskanzler Christian Kern meint, im Sinn von: Es wird immer brutaler? Sicher nicht. Dass Jugendbanden Gewalttaten begehen, ist so alt wie die Menschheit und wurde tausendfach dokumentiert, von Höhlenzeichnungen über Shakespeare bis hin zu Musils "Verwirrungen des Zöglings Törleß".

Das Opfer ist nicht immer Fremder oder Gegner, sondern kann der eigenen Gruppe angehören -dann ist kollektive Gewalt häufig eine Art Aufnahme-oder Festigungsritual. Die Täter fühlen sich dadurch zusammengeschweißt, man erlebt einen gemeinsamen Adrenalinrausch, ist Mitwisser und Zeuge. Untergeordnete haben beim Zuschlagen die Chance, dem Anführer zu gefallen. Es bekräftigt die Hierarchien der Gruppe. Solche Rituale sind kein Unterschichtenphänomen - man denke daran, was etwa in britischen Studentenverbindungen passiert. Oder ans Mensurfechten der deutschen Burschenschaften


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