Kunst Kritik

Ohne Brandgefahr: Ein Fußball aus Flammen

Lexikon | NS | aus FALTER 48/16 vom 30.11.2016

Seit 20 Jahren malt Francis Alÿs eine Serie kleiner Tafelbilder, deren Kuriosität fasziniert. Auf den jetzt in der Secession gezeigten 111 Bildchen verfolgt er ein Schema: Ein rostbrauner Anstrich; darauf führen - Gucklöchern gleich - runde Öffnungen in die Tiefe, wo klein und fein gemalte Frauen, Männer und auch Tiere im Grünen rätselhaften Handlungen nachgehen. Viele der Figuren hantieren mit Seilen, Stäben oder Reifen, als wären sie wie in Pieter Bruegels berühmtem Wimmelbild in Kinderspiele vertieft. Die traumgleiche Stimmung lässt auch an Hieronymus Bosch denken, aber die einzigen Monster bei Alÿs sind Skelette, mit denen er wiederum auf seine Wahlheimat Mexiko verweist.

Die Mexikaner lieben solche "Calaveras", heitere Knochenmänner ebenso wie Miniaturen aller Art. Mitte der 1990er-Jahre wurde Alÿs durch in Mexiko-Stadt produzierte Videoperformances bekannt, in denen der studierte Architekt Motive der Megacity aufgriff. So schob er etwa einen der Eiskuben, wie sie dort schlicht zur Kühlung verwendet werden, über den heißen Asphalt. Seine jetzige Schau zeigt dieses Video von 1997 gemeinsam mit dem jüngsten Streich von Alÿs' magischer Urban Art, wo er nachts einen brennenden Ball durch die Straßen von Ciudad Juárez kickt.

Das Knistern, die Lichteffekte, die Brandgefahr -zweifellos eine fesselnde Arbeit. Trotzdem ist es bedauerlich, dass Alÿs in der Secession ganz Poet bleibt, denn erst seine politische Seite macht ihn relevant. Zum Feuerball-Video "Paradox of Praxis #5" entstanden etwa auch Gemälde, die die Krise der durch Drogenkriege ruinierten Grenzstadt thematisieren. Alÿs' subversiver Gestus kommt in den Anleitungen für Aktionen zum Ausdruck, die zwischen den Bildchen zu lesen sind - und gerade die wirken dem zauberhaften Traumbildkosmos aufgepfropft.

Secession, bis 22.1.


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