Film Neu im Kino

Vorabend der Geschichte: "Kaum öffne ich die Augen"

Lexikon | Eva Kleinschwärzer | aus FALTER 48/16 vom 30.11.2016

Kurz bevor der Arabische Frühling ein Aufbrechen bestehender repressiver Strukturen zu versprechen scheint, beginnt "Kaum öffne ich die Augen". Man spürt sofort, dass eine Stimmung des Umbruchs über Tunis liegt, einer Stadt, in der nicht nur Generationen, sondern auch Weltbilder aufeinandertreffen und in der Freiheit und Überwachung viel näher beieinanderliegen, als es die Atmosphäre zunächst vermuten lässt. Inmitten dieser urbanen Szenarien begleitet der Film die junge Farah, deren Leben wie das Land im Wandel begriffen ist. Gerade hat sie die Schule abgeschlossen und will nun eigene Wege gehen, wobei jugendliche Leidenschaft nicht nur auf elterliche Vernunft, sondern auch auf politische Realität prallt.

Farahs Band ist Sinnbild für einen Ausbruch aus diesen autoritären, einengenden Verhältnissen und gleichzeitig Metaebene, auf der die Probleme eines Landes in regimekritischen Texten poetisch besprochen werden, wenngleich Zensur und Drohungen immer mitschwingen.

Die junge Generation bringt die Veränderung, so meint man und lässt sich von der Freude und Energie des Films mitreißen. Doch dort, wo anfangs die Alten im Film schlicht das Konservative verkörpern, zeigt sich nach und nach, wie verfestigt Machtgefüge auch unter den Jugendlichen sind und welche Erfahrungen die ältere Generation gemacht hat, um die Vorsicht zum obersten Gebot zu erklären. Dass "Kaum öffne ich die Augen" ein so dichtes und gleichzeitig facettenreiches Gesamtbild zu schaffen vermag, liegt nicht zuletzt daran, dass sich der Film in die Stadt bewegt hat, um dort im Getümmel seine Bilder zu sammeln. Leyla Bouzids Debut ist Coming-of-Age-Film, Dokumentation und nicht zuletzt auch Musikfilm und verbindet diese Elemente eindrucksvoll zur Momentaufnahme einer Gesellschaft.

Ab Fr im Kino (OmU im Filmcasino)


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