Alles neu für Ausgabe neun

Das internationale Menschenrechts-Filmfestival This Human World hat eine neue Leitung

Lexikon | Interview: Sabina Zeithammer | aus FALTER 48/16 vom 30.11.2016


Foto: This Human World

Foto: This Human World

Djamila Grandits und Julia Sternthal bilden die neue Doppelspitze des Wiener Filmfestivals This Human World. Beide haben Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert und mehrere Jahre unter anderem für Kurzfilmprojekte gearbeitet. Gemeinsam kuratierten sie ein Programm aus 114 Dokumentar-, Spiel- und Kurzfilmen, sammelten Geld mit einer Crowdfunding-Kampagne, verdoppelten die Wettbewerbe von zwei auf vier, erweiterten das Angebot für Jugendliche und führten einen Onlinevorverkauf ein.

Falter: Sie haben 114 Filme aus mehr als 1200 Werken ausgewählt. Was sind die großen Themen, die Filmschaffende momentan weltweit beschäftigen?

Julia Sternthal: Flucht und Grenzen sind zwei große Themen, die momentan auf verschiedenste Arten verhandelt werden. Auch der Umgang mit Frauen und dem weiblichen Körper hat sich als Thema herauskristallisiert. Und zwar unabhängig davon, in welchem Land man ist.

Djamila Grandits: Ein weiteres Thema sind Konflikte, ihre Ursachen und Folgen. Es gibt zum Beispiel viel zum Thema Bosnienkrieg. Eine Generation, die das als Kinder mitbekommen hat, wird erwachsen und fängt an, ihre Geschichte zu verarbeiten.

Neben den vier Wettbewerben gibt es neun Schwerpunktprogramme und ein Panorama. Haben sich die Schwerpunkte aus den Filmen ergeben oder wurden sie im Vorhinein festgelegt?

Sternthal: Teils teils. Der Schwerpunkt „Future Perspectives/Utopia“ war zum Beispiel etwas, wo wir eine gewisse Vorstellung gehabt haben. Schlussendlich ist es fast eine Science-Fiction-Annäherung geworden. Die fünf Filme zeigen, was uns zukünftig erwarten könnte, von Technologie über Ernährung bis zum Internet.

Grandits: Oder sie behandeln künstlerische Utopien. Genauso wurde auch das Rahmenprogramm gestaltet. Es wurde sehr bewusst versucht, zu den konkreten Filmen Expertinnen und Experten zu finden und Diskussionsrunden zusammenzustellen, um das Publikum nach dem Film abzuholen.

Gab es jemals die Sorge, dass es zu viele Schwerpunkte beziehungsweise Filme sein könnten? Es ist bei großen Festivals nicht immer leicht, sich der Menge an Filmen anzunähern.

Grandits: Die Schwerpunkte sind ein zusätzliches Angebot und auch ein Transparentmachen unserer kuratorischen Arbeit, aber durchaus kein Mehr an Komplikation, denke ich.

Sternthal: Es gibt die Möglichkeit, dass man sagt, dieser Schwerpunkt interessiert mich speziell und dazu schaue ich mir diese fünf Filme an. Ansonsten liest man sich die Filmbeschreibungen durch und schaut, was einen anspricht. Auf der Homepage gibt es auch Trailer zu jedem Film.

Welche zwei Filme können Sie persönlich besonders empfehlen?

Grandits: Ich mag den Spielfilm „The Fits“ wahnsinnig gern, eine Coming-of-Age-Geschichte über ein junges Mädchen, die unglaublich physisch ist. Es stecken viele Metaphern darin, Bodyhorror, Science-Fiction, und gleichzeitig ist er sehr reduziert. In „Ada for Mayor (Alcadessa)“ geht es um Ada Colau, die Bürgermeisterin von Barcelona, der es gelungen ist, verschiedene Gruppierungen zu einer neuen Bürgerbewegung zu vereinen. Der Film zeigt, wie demokratische Prozesse auch anders funktionieren können.

Sternthal: Ich bin ein großer Fan des Dokumentarfilms „Snow Monkey“. Der australische Künstler George Gittoes lebt seit mehreren Jahren in Afghanistan und macht dort mit Jugendlichen Actionfilme, um sie aus dem gewalttätigen Milieu der Straßengangs herauszuholen. Vom Format her fand ich „Credit for Murder“ sehr spannend, eine Dokufiktion, die sich wie ein Thriller anfühlt. Ein Journalist schleicht sich in die russische Naziszene ein und filmt dort sieben Jahre lang. Ich hatte schweißnasse Hände beim Ansehen.

Bei vielen Festivals ist es ein Problem, dass die Mitarbeiter sich am Rande der Selbstausbeutung bewegen. Wie ist das bei This Human World?

Sternthal: Wir waren lang ein kleines Team, in dem keiner gratis gearbeitet hat. Für das Festival wurden jetzt Volontariate vergeben, helfende Hände. Es war für uns nicht leicht, weil wir wissen, wie es ist, sich jahrelang unentgeltlich zu engagieren. Wir gehen sehr bewusst damit um.

Grandits: Es ist auf jeden Fall ein Konflikt, sich genau mit diesem Thema zu beschäftigen und gleichzeitig zu wissen, dass man ein gewisses Kulturprekariat beinhart aufrechterhält. Und für uns selbst – nein, wir werden nicht reich mit dem, was wir tun. Aber es passieren Schritte. Das Forum österreichischer Filmfestivals hat sich zusammengeschlossen, um die Förderstrukturen für Festivals zu verändern und Standards zu erkämpfen.

Topkino, Schikaneder, Filmcasino, 1. bis 11.12.


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