Der Sherlock-Algorithmus

Wie der Literaturwissenschaftler Franco Moretti das Lesen und Interpretieren von Klassikern veränderte

Feuilleton | Analyse: Matthias Dusini | aus FALTER 49/16 vom 07.12.2016

Der in den USA lehrende Literaturwissenschaftler Franco Moretti, 67, liest mit anderen Augen. Sein Begriff "Distant Reading" stieg zum Schlagwort der Geisteswissenschaften auf, sein Blick auf die Literaturgeschichte verändert vertraute Vorstellungen von Kanon und literarischer Qualität. Ein Sammelband legt die wichtigsten, im Laufe von 25 Jahren erschienenen Aufsätze Morettis (er ist übrigens der Bruder des Filmregisseurs Nanni Moretti) in deutscher Übersetzung vor. Wer sie studiert, erlebt das erhebende Gefühl, etwas dazugelernt zu haben.

Moretti geht von der simplen Tatsache aus, dass sich die Literaturhistorie nur mit einem Bruchteil der erschienenen Bücher beschäftigt. Anhand von Katalogen zählte er die britischen Romane des 19. Jahrhunderts durch und kam drauf, dass lediglich 0,5 Prozent Eingang in den Kanon fanden. Wenn sich Studierende in den Anglistikseminaren also mit rund 200 Titeln beschäftigen, haben sie von der Existenz der übrigen 39.800 Titel noch nie gehört.

Moretti

Abo hier bestellen Abo hier bestellen
Bestellen Sie hier ein FALTER-Abo Ihrer Wahl und erhalten Sie sofort einen Digitalzugang, um Artikel kostenfrei zu lesen.
Wenn Sie kein FALTER-Abo haben, können Sie diesen Artikel hier einzeln kaufen, als neuer Nutzer kostenfrei mit Startguthaben.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige