DIE WUNDERBARE WELT DER FUSSBALLERVERTRÄGE

Verliererbonus? Keine Pizza aufs Zimmer? Anspucken des Gegners verboten? Tausende Spielerverträge in den Football Leaks zeigen die absurde Realität des heutigen Fußballgeschäft s. Ein Best of


Weltauswahl: Lukas Matzinger
Politik | aus FALTER 49/16 vom 07.12.2016


Auszug aus dem Anhang zu Larry Kayodes Arbeitsvertrag bei Austria Wien

Auszug aus dem Anhang zu Larry Kayodes Arbeitsvertrag bei Austria Wien

Am 17. Mai 2015 verlor die Austria das Wiener Derby mit 1:4. Sie spielte schlecht, wie das ganze Jahr, und lief gegen den Stadtrivalen in ein Debakel. Im Nachhinein betrachtet war dieser Sonntag trotzdem ein guter Tag für die Wiener Austria. Vier Stunden vor Anpfiff unterschrieb ein neuer Stürmer einen Vierjahresvertrag. Sein Name war Larry Kayode.

Kayode kam um 800.000 Euro von Maccabi Netanya, er würde 19.500 brutto plus Prämien verdienen. Er verpflichtete sich, Deutsch zu lernen, nicht zu dopen und keine Sportwetten abzugeben. Bis dahin ein ganz normaler Spielervertrag, wie man ihn tausendfach in den Daten findet, die der Falter in den vergangenen Monaten mit seinen Partnern der EIC durchleuchtet hat

Wer aber bis zum Anhang des Arbeitspapiers blättert, das dem Falter vorliegt, findet Bemerkenswertes: dort hat die Austria einen ausführlichen Verhaltenskatalog für seine Spieler festgelegt – und mit Straf-„Spenden“ bei Nichteinhaltung versehen. Was Larry Kayode an diesem Tag unterschrieb, war eine einzige Ansammlung kurioser Vertragsklauseln:

Zieht er die Schuhe nicht vor der Garderobe aus, muss er 100 Euro in die Teamkasse spenden, lässt er im Teamhotel nach Mitternacht das Licht an, auch 100 Euro, benützt er sein Handy in der Kabine, noch einmal 100 Euro. Sich im Trainingscamp Essen aufs Zimmer zu bestellen kostet 50 Euro, für alle fünf Minuten, die Kayode zu spät zum Training kommt, muss er 100 Euro zahlen. Hält er sich irgendwann nicht an den vorgegebenen Dresscode, wieder 100 Euro – bei Wiederholung 200. Party machen ist an Spieltagen und den Tagen danach ohne vertragliche Einschränkung gestattet – in einer Woche mit zwei Pflichtspielen beschränkt es sich auf nur den Spieltag, bis spätestens drei Uhr. Wer sich nicht daran hält, verliert 15 Prozent seiner Boni.

Das sind nicht die absurdesten Fußballerklauseln, die der Falter nun an die Öffentlichkeit bringt. Es folgt eine Weltauswahl kurioser Spielerverträge – ein Einblick, wie Profifußball heute funktioniert.


 

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Hugo Lloris
Tottenham Hotspur
Vertrag von Dezember 2012

Null-Punkte-Prämie
Dass Fußballer nach einem Sieg Boni ausbezahlt bekommen, ist im Spitzenfußball üblich. Die sogenannte Punkteprämie ist seit Jahrzehnten fixer Bestandteil vieler Verträge. Der französische Teamtorhüter Hugo Lloris hat mit seinem Klub Tottenham Hotspur aus London allerdings noch eine ganz andere Prämie vereinbart. Für einen Sieg bekommt Lloris 7000 Pfund extra – doch auch für ein Unentschieden und sogar eine Niederlage gibt’s einen Bonus von 3500 Pfund.

 

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Ricardo Rodríguez
VfL Wolfsburg
Vertrag von Jänner 2012

Öffis verboten
Die alleinige Gesellschafterin der Fußballabteilung des VfL Wolfsburg ist die Volkswagen AG. Und was diesem Eigentümer in den Verträgen der Wolfsburg-Spieler besonders wichtig ist, liegt auf der Hand: VW müssen sie fahren. Mit Vertragsunterzeichnung im Jänner 2012 bekam der Schweizer Ricardo Rodriguez einen Volkswagen zur Verfügung gestellt, mit dem er in den folgenden viereinhalb Jahren zu jedem Spiel, zu jeder Pressekonferenz und zu jedem einzelnen Training fahren musste.

 

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Matija Nastasić
Schalke 04
Vertrag von Jänner 2015

Adidas-Allergie
Sportartikelhersteller zahlen viel Geld, um Fußballteams ausstatten zu dürfen. Im Gegenzug erwarten sie, dass alle Spieler jederzeit in ihrer Kleidung auftreten. Der deutsche Traditionsklub Schalke 04 zum Beispiel hat einen Langzeitvertrag mit Adidas – wonach jeder Kaderspieler ausschließlich in Adidas-Schuhen spielen sollte. Der serbische Innenverteidiger Matija Nastasić hat aber andere Vorlieben. Er hatte bis zu seinem Wechsel im Jahr 2015 von Manchester City immer Nike getragen. Schalke antizipierte dieses Problem, wie man im Fußball sagt, und hielt per Vertrag fest, dass Nastasić nur dann in anderen Schuhen spielen dürfe, wenn er nachweisen kann, dass er aus medizinischen Gründen nicht mit Adidas-Schuhen spielen darf. Es scheint ihm gelungen zu sein. Nastasić spielt jedes Spiel in Nike.

 

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Daniel Agger
Karriere beendet
Vertrag von August 2014 bei Brøndby

Der Kloaken-Deal
Nach einer langen Karriere beim FC Liverpool kehrte der verlorene Sohn Daniel Agger im Sommer 2014 zu seinem Heimatklub Brøndby zurück. Die dänischen Fans waren überglücklich. Daniel Agger dankte es ihnen, indem er mit seiner Kanal- und Abwasserfirma KloAgger auch noch zum Sponsor des Klubs wurde – das dachten jedenfalls die Fans. Tatsächlich war es eine Bedingung seines Vertrags, dass Brøndby zusätzlich zu einem der größten Gehälter, das je im dänischen Fußball bezahlt wurde, bei jedem Heimspiel eine Bandenwerbung für Aggers Unternehmen schaltet. Achtmal pro Spiel, für je 27 Sekunden auf 215 Metern.

 

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Ali Adnan Kadhim Al-Tameemi
Udinese Calcio
Vertrag von August 2013 bei Çaykur Rizespor (Türkei)

Vertrauensprobleme
Schwer zu sagen, welches Bild die Verantwortlichen des türkischen Erstligisten Rizespor vom jungen irakischen Verteidiger Ali Adnan hatten, als sie ihn im August 2013 vom Baghdad SC kauften. Jedenfalls sahen sie sich veranlasst, folgendes per Vertrag festzuhalten: „Klausel j): Der Spieler darf nicht versuchen, andere Spieler oder Angestellte zu überreden, den Klub zu verlassen oder zu einem anderen Klub zu wechseln.“

 

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Ander Herrera
Manchester United
Vertrag von Juni 2014

Englische Deflation
Wie nicht anders zu erwarten, steigen Fußballergehälter in der Regel von Jahr zu Jahr. Die Entwicklung ist meist schon bei der Unterzeichnung des Vertrags auf den Cent genau festgelegt. So auch beim Spanier Ander Herrera, der während der WM 2014 um 36 Millionen Euro von Athletic Bilbao zu Manchester United wechselte – der neue Trainer Louis van Gaal schien sich einiges von ihm zu erwarten. Trotzdem unterschrieb Herrera einen Vertrag, der vorsah, dass sein Gehalt jährlich stark sinken würde. Von 2014 bis 2015 verdiente er 3.536.000 Pfund, von 2015 auf 2016 2.652.000 und in der aktuellen Saison nur noch 2.340.000 Pfund. Immerhin stieg der Betrag, den der Verein an Herreras Bildrechtefirma überweisen sollte, im selben Zeitraum an.

 

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Michael Essien
Vereinslos
Vertrag von August 2012 bei Real Madrid

Man sieht nur mit dem Bonus gut
Michael Essien war ein Weltstar, als er 2012 vom Champions-League-Sieger FC Chelsea für ein Jahr zu Real Madrid verliehen wurde. Trotzdem gab er sich dort mit einem der niedrigsten Gehälter in der ganzen spanischen Liga zufrieden. Nur 6000 Euro standen als Bruttomonatslohn in der Registrierung des Spielers. Gott sei Dank konnte der finanzielle Absturz durch einen Unterschriftsbonus von 4,75 Millionen Euro abgefedert werden.

 

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Lucas Silva
Real Madrid
Vertrag von Jänner 2015

Der 500-Millionen-Nobody
Wenn man an die vielen großen Stars im aktuellen Team von Real Madrid denkt, ist Lucas Silva … einer der letzten. Das hat die Funktionäre des „weißen Balletts“ aus Madrid aber nicht davon abgehalten, im Jänner 2015 eine unfassbar hohe Ausstiegsklausel für den damals 21-jährigen Brasilianer festzulegen: 500 Millionen Euro müsste ein Klub demnach zahlen, um ihn aus dem Vertrag zu kaufen. Derzeit ist Silva wegen Unregelmäßigkeiten des Herzrhythmus nicht spielberechtigt.

 

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Rafael van der Vaart
FC Midtjylland
Vertrag von Juni 2015 bei Betis Sevilla

Trag Bergsteigerschuhe, aber trag kein Rot
Anders als Matija Nastasić konnte der Niederländer Rafael van der Vaart in seinem Jahr bei Betis Sevilla die Marke und Ausführung seiner Fußballschuhe vollkommen frei wählen. Mit einer kleinen, aber wichtigen Ausnahme, die in seinem Vertrag festgehalten wurde: die Farbe Rot dürfe auf seinen Schuhen nicht zu sehen sein – nicht einmal die kleinste Spur davon. Denn das ist die Farbe des Erzrivalen FC Sevilla.

 

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Mario Balotelli
OGC Nizza
Vertrag von August 2014 beim FC Liverpool

Millionen für gutes Betragen
Wer „Balotteli“ und „Skandal“ googelt, bekommt zu Recht 221.000 Ergebnisse. Der italienische Stürmer ist kein Kind von Traurigkeit. Er zielte für ein Instagram-Bild mit einer Flinte in die Kamera, ließ aus Angst, sich auf dem Weg von Manchester nach London zu verfahren, ein Taxi vor seinem Sportwagen herfahren und sorgte für einen Feuerwehreinsatz, als er Raketen aus dem Badezimmerfenster schoss. Als Balotelli 2014 zum FC Liverpool wechselte, schien man dort zu wissen, dass das der Typ Spieler ist, den man an die kurze Leine nehmen muss. Weshalb sein Vertrag ein umfangreiches Anreizsystem für gutes Betragen enthielt: Zu einem für englische Verhältnisse relativ bescheidenen Wochenverdienst von 85.000 Pfund kamen 150.000 Pfund pro fünf Einsätze in der Startelf. Wenn sein Benehmen dem entspricht, wie es eines Liverpool-Spielers würdig ist, würde er Ende des Jahres noch einmal eine Million Pfund bekommen. Und wenn er nicht mehr als drei rote Karten bekommt und keinen Gegner beschimpft oder anspuckt, kommt noch eine Million dazu.

 

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Roberto Firmino
FC Liverpool
Vertrag von Juli 2015

Alles außer Arsenal
Viele Spitzenspieler lassen sich eine sogenannte Ausstiegsklausel in ihre Verträge schreiben: sie nennt jenen Betrag, den ein anderer Klub zahlen müsste, um den Spieler aus dem Arbeitsverhältnis zu kaufen. Beim Brasilianer Roberto Firmino vom FC Liverpool liegt die Ausstiegsklausel bei 98 Millionen Pfund. Sie gilt kurioserweise für jeden Klub weltweit – bis auf einen. Und das ist keiner von Liverpools Erzfeinden, dem Stadtrivalen FC Everton oder Manchester United: Der einzige Klub der Welt, der diese Ausstiegsklausel nicht geltend machen kann, ist der FC Arsenal aus London.

 

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Trainer: Michael Laudrup
al-Rayyan (Katar)
Vertrag von Juni 2014 bei Lehkwiya (Katar)

Luxusleben per Vertrag
In den 1990er-Jahren war Michael Laudrup einer der besten Fußballspieler der Welt. Er spielte für die größten Klubs Europas und ist der wohl beste dänische Kicker aller Zeiten. Dieses königliche Lebensgefühl wollte Laudrup bei seinen Engagements als Trainer gerne beibehalten. Deshalb unterschrieb Laudrup 2014 nach Anstellungen in Russland, Spanien und England einen Vertrag beim ambitionierten katarischen Klub Lehkwiya. Und sicherte sich zusätzlich zu einem Jahresgehalt von 2,6 Millionen Euro plus Bonuszahlungen: eine möblierte Luxusunterkunft für ihn und seine Familie, fünf bis acht Business-Class-Flüge jährlich in jede europäische Stadt seiner Wahl, ein Handy mit unlimitierter Datennutzung weltweit und zwei Oberklasseautos, die ihm unbegrenzt zur Verfügung standen.


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