Phettbergs Predigtdienst

So viel Unerreichbares schwirrt um mich herum

Kolumnen | aus FALTER 49/16 vom 07.12.2016

Ich lernte gestern einen wunderbaren neuen Gentleman kennen, den Alexander des Ilse-Aichinger-Hauses. Er brachte mich in den ersten Ilse-Aichinger-Film unter Anführungszeichen, "Au revoir, les enfants". Ich kann natürlich, wie immer, kein Französisch, und die Untertitel fliegen mir immer so schnell weg, dass ich sie natürlich nicht richtig erfasse.

Dieser Film ist ein wertvolles Zeitdokument, und ich merke immer mehr, wie wertvoll es ist, dass es ein Filmmuseum gibt. Es ist so wertvoll wie die Nationalbibliothek. Der Geist des Menschen hinterlässt Spuren, denn das, was da in den 50er-Jahren knapp nach dem Terror des Naziregimes gedreht wurde, zeigt in allen Feinheiten Risse an den Häusern, die das Ältergewordensein der Häuser und der damaligen technischen Möglichkeiten authentisch zeigen. Es ist nur so, ich muss als ziemlich Gelähmter im Rollstuhl in der ersten Reihe sitzen und brech mir fast das G'nack beim Hinaufschauen auf die große Leinwand.

Die Leute im Filmmuseum hatten alle Stil: Es war keine Spur von einer Masse, die du sonst im Kino dir erwartest. Ich versetzte mich im Geiste in den Stil der damaligen Jahre und hatte wunderbare Empfindungen. Ich müsste nur endlich einen Kulturpass erlaubt bekommen. Ilse Aichinger, die große Verstorbene, wohnte vielen Filmen in diesem Kino bei und fühlte sich daheim, was ich sehr, sehr gut verstehen kann. Ich kann mir's nur absolut nicht leisten, dort hinzugehen.

Ich sah einige sehr alte Damen, die offensichtlich, wie Ilse Aichinger, eine Art geistige Wohnung im Filmmuseum finden. Es gibt eine Jahreskarte fürs Filmmuseum, und da musst du nur mehr die Hälfte des Eintritts zahlen. Aber auch die kann ich mir nicht wirklich leisten, und vor allem vermag ich nicht allein dort hinzugeraten. Ich brauch immer ein Sklavy, das mich dort hinbrächte.

Und ich kann auch nie dem Tempo der Untertitelung folgen. So viel Unerreichbares schwirrt um mich herum, mein Vata konnte wenigstens noch alle Fliegen, die ihn sekkierten, erschlagen. Und ich hab noch mein Leben lang keine einzige Fliege erwischt. So viele Ähnlichkeiten und so viele Unterschiedlichkeiten. Wir haben beide fast keine Zähne, aber er konnte Fliegen erschlagen.

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