"Geblieben ist eine Leerstelle"

Weihnachtstheater anders: "Hom(m)e Alone" spielt mit dem Stoff von "Kevin - Allein zu Haus"


INTERVIEW: MARTIN PESL
Lexikon | aus FALTER 50/16 vom 14.12.2016


Foto: Jan Frankl

Dominic Oley, 1980 in Meerbusch in Deutschland geboren und seit 2009 in Wien tätig, arbeitet als freier Schauspieler hauptsächlich am Theater in der Josefstadt – aktuell in der Ödön-von-Horváth-Uraufführung „Niemand“. Nebenbei schreibt und inszeniert er eigene Stücke, meist rasante, ironische, aber auch zeitkritische Komödien mit popkulturellen Referenzen auf Filme. Lange war seine Heimat als Autor und Regisseur das Theater an der Gumpendorfer Straße.

Sein neuestes Projekt zeigt Oley im Bronski & Grünberg, dem erst vor wenigen Wochen eröffneten neuen Wiener Theater in der Alsergrunder Müllnergasse. In „Hom(m)e Alone“ besuchen die Einbrecher Marv und Harry, gespielt von Boris Popovic und Sami Loris, den mittlerweile erwachsenen Kevin (Maxim Mehmet), der wie damals in Chris Columbus’ berühmtem Film aus dem Jahr 1990 „allein zu Haus“ ist.

Falter: Herr Oley, ist „Hom(m)e Alone“ besonders für Fans des Films „Kevin – Allein zu Haus“ gedacht?

Dominic Oley: Ich hoffe auf Zuschauer, die den Film zumindest im Zwischenspeicher haben und mit Kevin mitgewachsen sind. Im Grunde genommen richtet sich das Stück an meine Generation, an die, die damals Kinder waren. Der Film ist als popkulturelle Referenz und als Erinnerung für Kevin und die Einbrecher ständig präsent. Der Mann mit der Schaufel, der eigentlich Gott und Kevins Schutzengel war, ist bei uns zwar eine Frau – Roswitha Soukup –, aber seine Funktion haben wir beibehalten. Es gibt also immer wieder Anker und kleine Leinen, die uns den Film vergegenwärtigen.

Sie inszenieren den erwachsenen Kevin auch als Symbol für die Veränderung seit den 1980er- und 1990er-Jahren. Wie ist das zu verstehen?

Oley: Damals hat ihn seine Familie zu Hause vergessen. Mittlerweile ist es zu einer Art Politik geworden, sich selbst zu vergessen, um effizient zu werden. Diametral dazu hat eine Bewegung stattgefunden, die alles privatisieren wollte. Geblieben ist eine Leerstelle, in der der etwas verängstigte, technologisierte und durch die Gegenwart totalisierte Mensch zwar verappt und verbunden ist, aber nie bei sich selbst ankommt.

Auch auf Macaulay Culkin, den Hauptdarsteller von „Kevin – Allein zu Haus“ nehmen Sie Bezug. Er „vergaß sich selbst“, indem er in die Drogensucht rutschte, mittlerweile ist er auch beim Publikum in Vergessenheit geraten. Haben Sie seine Geschichte recherchiert?

Oley: Ja. Er war kurz verheiratet und dann ein paar Jahre lang mit Hollywoodstar Mila Kunis zusammen. Angeblich wohnt er jetzt in einem riesigen Apartment in New York ohne Möbel und führt ein Eremitendasein mit einer Katze. Er ist also allein zu Haus.

Während andere Theater zur Weihnachtszeit die Familienstücke auspacken, wirkt „Hom(m)e Alone“ geradezu wie ein Anti-Familien- und Anti-Anti-Weihnachts-Stück.

Oley: Alle versuchen irgendwie, sich zu orientieren, beide Seiten entschuldigen sich beieinander. In gewisser Hinsicht steckt vielleicht am Ende doch eine weihnachtliche Versöhnung drin – wenn auch mit Vorbehalt.

Wie kam es überhaupt zu diesem Projekt?

Oley: Die Idee hatte Alexander Pschill. Er hat mich für sein neues Theater Bronski & Grünberg mit einem Weihnachtsstück beauftragt. Ich habe „Kevin – Allein zu Haus“ und den Nachfolger „Kevin – Allein in New York“ nochmals angeschaut und wusste dann schnell, dass das Stück eine Aufarbeitung des damaligen Zeitalters aus heutiger Sicht wird. Auch die Einbrecher sind traumatisiert. Denn was passiert im Film? Ein verwöhntes rich kid hackt mit einem gewissen Sadismus auf den Underdogs herum.

Das Theater arbeitet ohne Basisförderung und Sponsoring. Wirkt sich das dann auch stark auf die Gagen aus?

Oley: Wir installieren hier mit dem Bronski & Grünberg ein Liebhaberprojekt, und es muss allen klar sein, dass das im ersten Jahr unter verschärften Voraussetzungen stattfindet.

Wie ist Ihr Verhältnis zum Leitungsteam des neuen Theaters?

Oley: Ich bin zwar nicht Teil des Kernteams, aber ich verstehe die Einladung von Alexander Pschill und Kaja Dymnicki als Einladung zu einem Wir-Ort mit minimaler Administration und viel Kreativität und Fantasie. Ich gehöre schon zur Familie, aber eben als künstlerischer Cousin.

Wie läuft es bis jetzt mit dem im November eröffneten Haus, und was ist für die nähere Zukunft geplant?

Oley: Es hat ein erfreuliches Startmoment gegeben, alle sind guter Dinge. Ich schreibe und inszeniere hier noch diese Spielzeit mit Florian Carove ein Projekt über den Stummfilmstar Rodolfo Valentino. Und ich wirke in einem Projekt von Alex und Kaja als Schauspieler mit: „Der Spieler“ nach dem Roman von Dostojewski.

Bronski & Grünberg, So, Di–Do 19.30


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