Tiere

Sinnflut

Kolumnen/Zoo | aus FALTER 50/16 vom 14.12.2016


Zeichnung: Bernd Püribauer » zur Tier-Galerie

Manchmal mangelt es mir nicht an Verständnis, sondern mehr am Verstehen.

Bei Bob Dylans Anti-Kriegs-Hymne höre ich statt Antworten nur verblasene Ameisen („The ants are my friends, they’re blowin’ in the wind“), und beim Hit von The Mamas & the Papas, „California Dreamin’“, denke ich an meine Schulfreundin Anneliese Braun („All the leaves are brown“). Zum Glück gibt es dafür auch einen Fachausdruck, der mir das Gefühl gibt, damit nicht allein zu sein: Soramimi.

Mit diesem japanischen Wort bezeichnet man das Phänomen, wenn man Wörter einer fremden Sprache durch gleich klingende Begriffe der Muttersprache ersetzt.

Für die falsche Verwendung geflügelter Wörter, die wie eine Taube in der Hand abstürzen, gibt es aber noch keinen Begriff. Manchmal wird durch undeutliche Aussprache und volksetymologische Fantastereien ein neues Sprachbild erzeugt. Wenn man jemanden „am Schlawittchen packt“, dann ist dies weder der Zipfel eines Kapuzenpullovers noch der kleine Bruder vom Schneewittchen. Das Schlafittchen ist eine Verballhornung der Schlagfittiche, der Schwungfedern des Vogels.

Vor allem Politiker verwenden gerne in ihren Aussagen starke Sprachbilder, die dann manchmal auch außer Kontrolle geraten. Bundespräsidentschaftskandidat Norbert Hofer meinte nach der Wahl, in ihm habe man „einen schlafenden Bären geweckt“. Der Ausdruck „Bär“ kommt von dem altertümlichen Wort „Bar“, das Last oder auch Abgabe bedeutet. Was will er uns damit wohl sagen? Vielleicht sind ihm aber auch nur zwei andere Metaphern durcheinandergekommen. Wollte er uns damit einen „Bären anbinden“, was so viel wie „Schulden machen“ heißt? Oder will er uns einen „Bärendienst erweisen“? Diese Redewendung stammt aus einer Fabel, wo ein Bär seinen Herren vor den herumschwirrenden Mücken schützen wollte, ihn aber dabei mit seiner Pranke erschlug. Aus ihrer Winterruhe geweckte Bären sind jedenfalls desorientiert und noch sehr langsam, weswegen es unter Jägern auch verpönt ist, solche Tiere zu schießen.

Aber Hofer machte ja trotz Niederlage böse Miene zum guten Spiel und wird seinen Gegnern schon noch zeigen, woher der Hase weht. Wenn er erst mal wieder Oberwasser wittert, dann sollte sich besser niemand in die Hölle des Bären wagen. Oder wie wir Metaphernschleuderer auch zu sagen pflegen: Reden ist Schweigen und Silber ist Gold.


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