Theater Kritik

Man muss die Feste feiern, wie sie knallen


MP
Lexikon | aus FALTER 50/16 vom 14.12.2016

Den Fall der Gräfin Batthyány und ihres schaurigen Schlossfestes im Jahr 1945 lernte Elfriede Jelinek durch einen Dokumentarfilm kennen. Eine lustige Festgesellschaft zog im burgenländischen Rechnitz aus, knapp 200 Zwangsarbeiter in einer Nacht zu ermorden. Jelineks bissiger Theatertext "Rechnitz (Der Würgeengel)" aus dem Jahr 2008 war als Gastspiel schon einmal bei den Wiener Festwochen zu sehen und wird nun erstmals in Wien neu inszeniert. Und knallt ziemlich.

Auf Paul Lerchbaumers Bühne sind von dem Schloss, das tatsächlich wenige Tage später von den Sowjets zerstört wurde, nur ein paar prunkvolle Wandpaneele übrig. Als sei ein manischer Tanzverein in die alten Hallen eingezogen, wird der leere Raum von sieben Schauspielern eingenommen. Während sie nuanciert, wild, bedrohlich, vergnügt, verzweifelt Jelineks "Botenbericht" sprechen, verwandeln sie sich wieder und wieder in neue Tänzer unzähliger Musikvideos von Tina Turner bis Beyoncé, die dann, wie Auflösungen in einem Popquiz, auch noch überlebensgroß an die Rückwand projiziert werden. Kostümbildnerin Jelena Miletić hat ganze Arbeit geleistet, aber auch der Fitnesstest, den das fantastische Ensemble in diesem zweistündigen Sportstück bestehen muss, kann sich sehen lassen.

Die Choreografin dieser vielen Acts selbst (Jasmin Avissar) bewegt sich quälend langsam und doch fast unbemerkt durch die tanzende Spaßgesellschaft hindurch: Ist sie ein Gespenst, gar die Gräfin persönlich? Das eine oder andere Rätsel lässt Regisseur Miloš Lolić in seiner klar konzipierten, durchdachten und brillant gearbeiteten Inszenierung zurück, und das ist gut so. Schließlich soll all der Rhythmus, wo man mitmuss, nicht die Ungeheuerlichkeit verdecken, die in Rechnitz 1945 passierte. Genau über diese Frage finden Stück und Inszenierung zusammen: Wann hört die Feierlaune je auf?

Volkstheater, Fr 19.30


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

×

Anzeige

Anzeige