Weg mit der Gießkanne

Der Pisa-Test zeigt, dass sozial schwache Schüler in Österreich auf der Strecke bleiben. Nun schickt sich Österreichs Bildungspolitik an, das Schulsystem von Grund auf zu reformieren. Ob die kleine Revolution gelingt?

Ausblick: Sibylle Hamann | Stadtleben | aus FALTER 50/16 vom 14.12.2016


Illustration: P. M. Hoffmann

Mittelschule A steht in einer kleinen Gemeinde im Salzburger Land. Es ist die einzige weit und breit, das nächste Gymnasium ist 60 Kilometer entfernt und keine attraktive Alternative. Alle Kinder aus dem Ort gehen daher in die Schule A und sitzen in den Bankreihen Seite an Seite: Die Tochter der Gemeindeärztin, die Tochter der Putzkraft in deren Praxis, die Kinder der Forstarbeiter, der Krankenpfleger und der Bauern rundherum. Es gibt schwierigere und einfachere Kinder, aber alles in allem eine gute soziale Durchmischung. Die meisten Eltern kennen einander, der Elternverein hilft den Lehrern, wenn gewünscht, mit Geld, Zeit oder Kontakten. Mit anderen Muttersprachen muss man sich in der Schule A kaum beschäftigen. Wohl hat ein Kind vielleicht eine polnische, ein anderes eine vietnamesische Mutter, eine Familie ist vor 30 Jahren aus dem Kosovo gekommen, doch alle sprechen deutsch. Eventuell sind im letzten Jahr drei, vier Flüchtlingskinder dazugekommen. Aber die ziehen, sobald sie ihren positiven Asylbescheid haben, wahrscheinlich eh wieder weg, nach Wien.

Mittelschule B steht in einem Wiener Arbeiterbezirk. Im Umkreis von wenigen Straßenbahnstationen befinden sich zwei Gymnasien, eine katholische und eine alternative Privatschule sowie zwei weitere Mittelschulen, eine mit Ganztagsangebot, eine mit Sportschwerpunkt. Auch in der Umgebung der Schule B wohnen Ärzte, Putzkräfte, Arbeiter und Krankenpflegerinnen, aber alle Eltern, die über die Schullaufbahn ihrer Kinder auch nur kurz nachgedacht haben, haben sie an anderen Schulen eingeschrieben. Schule B hat, wie man so schön sagt, „keinen guten Ruf“. Hierher geht der Rest. Kinder aus Familien, die eben erst nach Wien zugezogen sind und sich nicht auskennen. Sogenannte „Rückfluter“, die – aus disziplinären oder sonstigen Gründen – aus Gymnasien zurückgeschickt worden sind. Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen, manche haben Eltern, die sich kaum kümmern, manche leben in betreuten Krisen-WGs. Da Schule B die einzige war, in der es noch freie Plätze gab, sind im Lauf des letzten Jahres auch noch viele Flüchtlingskinder dazugekommen, darunter mehrere unbegleitete Jugendliche aus Afghanistan, die Analphabeten sind. Kaum eines der Kinder der Schule B hat Deutsch als Muttersprache.

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