Doris Knecht Selbstversuch

Man hat sich bemüht, wirklich

Kolumnen/Zoo | aus FALTER 50/16 vom 14.12.2016

Langsam wachsen die Fingernägel nach, die am Wahlsonntag dran glauben mussten. Und endlich kann man sich wieder mit anderem, Unwichtigem beschäftigen: Weihnachten, Kochen, "The Crown". Ich habe mit "The Crown", wegen Wegbüselns beim ersten Mal, noch einmal von vorn angefangen und glaube jetzt, dass Peter Morgans Serie über die junge Queen Elizabeth die beste des Jahres ist. So meisterhaft erzählt, ganz langsam, ganz ruhig, ganz genau. Umwerfende Bilder, kluge Parabeln. Ziemlich feministisch. Und lustig auch, dank Lithgow-Churchill.

Sonst: Advent, und die Lust am Granteln wächst. Das ganze Jahr hat man versucht, positiv zu sein, lieb, möglichst freundliche, optimistische Sachen ins Facebook hineinzuschreiben, und auch IRL zu den Menschen nett zu sein, es sei denn, die Situation oder die Menschen machten Beschimpfungen, Schirchsein und Draufdingsen notwendig.

Sonst mühte man sich um grundsätzliches Wohlwollen und grundlose Freundlichkeit, um Verständnis und darum, das Positive in allem zu sehen, vor allem in Menschen: an ihren Makeln nicht herumzunörgeln, ihre Leistungen zu loben und zu teilen. Es hervorzuheben, wenn sie Dinge gut gemacht haben, besonders wenn es Frauen sind: Auch das soll vom Kabinett Obama übrigbleiben. Man hat sich bemüht, wirklich.

Aber es reicht dann auch einmal, und man bekommt Lust, wieder einmal richtig deppat zu sein. Zu sagen: So, aus, du kannst mich jetzt amal. Oder zum Beispiel mit der großen Hupe in den Engelschor der Patti-Smith-Ansülzer hineinzutröten. Patti Smith: Die ist mir immer schon auf den Senkel gegangen! Dieses aufgesetzte Geheule! Dieses manierierte Gejammere!, und dass sie sich jetzt auch noch völlig unnedigerweise bei der Literaturnobelpreisverleihung an Bob Dylan wichtig macht, verbessert nichts, im Gegenteil.

Aber das Facebook voller Herzler, wie rührend und wie toll Meine Güte! Okay, es gibt ein Album von Smith, das ich ein bisschen mag, nein, nicht "Horses". Sondern dieses Cover-Album, mit einer überraschend ansprechenden Version von "Smells like Teen Spirit". Obwohl: Sie vergreift sich darauf an "Gimme Shelter". Fehler. Ich bin der Meinung, dass "Gimme Shelter" in einer anderen als der Original-Stones-Version nicht möglich ist, Wolf Prix wird mir hier beipflichten. Genauso denke ich, dass niemand anderer als Bob Dylan den Nobelpreis für Bob Dylan entgegennehmen kann, auch nicht Patti Smith. Schon gar nicht Patti Smith. Wenn Dylan nicht kommt, hat der Platz leer zu bleiben, das Mikro stumm. So. Meine grantige Meinung.

Und jetzt wieder zu etwas Positivem, einer jahreszeitlich konvenierenden Ergänzung zur Weltformel. Nr. 32: Wenn Diät, dann eine französische, in der Gänseleber, Käse, Mayonnaise, Wein und Schampus als völlig unbedenklich gelten. Ja, das existiert erstaunlicherweise, Gott sei Dank.


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