Doris Knecht Selbstversuch

Als wäre ich nach wie vor ein Kind

Kolumnen/Zoo | aus FALTER 02/17 vom 11.01.2017

Sieben Tage und sieben Nächte habe ich durchgehalten. Sieben Tage und sieben Nächte Herkunftsfamilie im Jugendzimmer, ohne einen einzigen Nervenzusammenbruch. Alles total nett und harmonisch, mit Ausnahme einer kleinen feministischen Krise, die aber ohne Grundsatz-Meltdown gemeistert wurde, weil eh völlig sinnlos bei einem 75-Jährigen. Da rein, da raus, wie man's genau von diesem gelernt hat. Und nicht sagen:

Ja, Papa, ihr habt das so gehalten mit der guten alten Frau-Haushalt-Mann-Erwerbsarbeit-Aufteilung, aber es ist jetzt, wenn man die Situation genauer betrachtet, eigentlich gar nicht so toll, oder?

Dabei war die Situation nur eine Art Minisimulation einer lieber ausgeblendeten Möglichkeit bzw. der tatsächlichen Gegebenheit bei vielen meiner Freunde: Wir werden älter, die Eltern werden alt und pflegebedürftig. Und während meine Erzeuger immer noch so gut beieinander sind, dass auch in meinem erhöhten Alter Besuche bei ihnen stets Verwöhn-und Wellnessferien sind, in denen ich bekocht und umsorgt werde, als sei ich nach wie vor ein Kind, ist es bei fast allen meiner Freunde, so deren Mütter und Väter überhaupt noch am Leben sind, längst umgekehrt. Ich weiß mein Privileg zu schätzen; was für ein rares, außerordentliches Glück.

Allerdings brachte diesmal einer der Teenager ein zähes Wiener Husten-und-Fieber-Virus mit in die Weihnachtsferien, das meine Mutter fällte. Nun muss man sich meine Mutter als zähen, sehnigen, jugendlichen 70-something vorstellen: Den ganzen Tag auf den Beinen, nie müde, immer gut gelaunt, immer einen Schritt voraus, immer einen Kuchen oder ein Brot im Ofen, immer gibt's was Gutes aus dem eigenen Garten, natürlich alles picobello sauber. Kürzlich feierte sie mit ihren acht Geschwistern, die alle ungefähr ebenso fit sind, den gemeinsamen 700. Geburtstag. 700! Das muss man sich einmal ausrechnen. Spitzengene, unkaputtbar quasi.

Die meine Mutter allerdings einem harten Test unterzog, indem sie, obwohl eigentlich schon krank, die versprochene Kaffeejause zum 80er einer ihrer Schwestern eisern durchzog. Absagen wegen Krankheit gilt in dieser Familie als verweichlicht. (Nicht ohne Folgen für die Nachkommenschaft, denn natürlich lädt man selbst Gäste wegen ein bissl fiebrigen Schnupfens nicht wieder aus. Zur Strafe ließ sich das Pork nicht pullen: Was hab ich falsch gemacht??? Dafür hat mir der Fotograf der Herzen das schönste Jelinek-Foto der Welt geschenkt, dankedankedanke, Corn. Bei mir ist immer noch Weihnachten.) Selbstverständlich waren nach Mutters Jause alle krank, vor allem aber die Mutter, weshalb für einmal die Ferienverhältnisse umgedreht wurden und die Tochter sich gemeinsam mit den Schwestern um die Eltern kümmerte. Um die fiebernde Mutter und den darob völlig hilflosen Vater, der sich bis heute nicht einmal ein Ei kochen kann. Weil er es nie musste, weil es immer so war und immer bestens funktioniert hat; warum hätte man daran was ändern sollen. Eh Papa, ja.


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