Stadtrand Urbanismus

Die Weisen im Abendland

Stadtleben | aus FALTER 02/17 vom 11.01.2017

Für den urbanen Misanthropen sind es die schlimmsten Tage des Jahres: der 31. Oktober und der 6. Jänner. Das wiederholte Läuten an der Wohnungstür ignoriert er, wohl wissend, was ihn erwartet: verkleidete Kinder, die Geld wollen.

Während die Halloween-Meute von Jahr zu Jahr größer wird, schrumpft hingegen die Zahl der Sternsinger -was vielleicht daran liegt, dass Caspar, Melchior und Balthasar meist der katholischen Jungschar angehören oder Ministranten sind und das gesammelte Geld nicht in die eigenen Taschen stecken können, sondern für Entwicklungshilfeprojekte spenden.

Ihre Kreidesignatur am Türrahmen hat in den Wiener Wohnblöcken jedenfalls seit jeher die Griesgrame von den Menschenfreunden für jeden sichtbar getrennt. Man wusste sofort, woran man war, stand da kein "C+M+B" hingekrakelt.

Jetzt ist das anders: Den "C+M+B"-Segen gibt's längst als Pickerl für jedermann. Deshalb hat neuerdings auch der grantige Nachbar von der Nummer 12 den "C+M+B"-Freibrief. Pickerl aufgeklebt, Spendenerlagschein weggeworfen und die Tür wieder zugesperrt.


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