Theater Kritiken

Es war so finster und auch so bitterkalt


MP
Lexikon | aus FALTER 02/17 vom 11.01.2017

Man muss nicht viel tun, um dieses Stück im postfaktischen Zeitalter aktuell erscheinen zu lassen. Schon als Arthur Miller es 1962 schrieb, war die Geschichte von der "Hexenjagd" in Salem bei Boston um 1700 weniger als Historienspiel gedacht denn als Paraphrase auf die zu seiner Zeit stattfindende Hetze gegen angeblichen Kommunisten (Stichwort McCarthy). Vordergründig aber erzählt der Plot, wie in einer tiefgläubigen - und abergläubischen - Gegend eine junge Göre namens Abigail (Andrea Wenzl als bestechend behexendes Wesen) behauptet, andere Dörfler mit dem Teufel gesehen zu haben. Aus lauter Paranoia wird ein Tribunal aus ehrenwerten Machtmenschen in Gestalt von Ignaz Kirchner, einem zynischen Michael Maertens und dem detektivisch grübelnden Pastor Florian Teichtmeister einberufen. Ergebnis: Wer nicht gesteht, wird hingerichtet.

Regisseur Martin Kušej, der im vergangenen Jahrzehnt mit "Höllenangst" und "König Ottokars Glück und Ende" unvergesslich coole Inszenierungen an der Burg schuf, ist unter Direktorin Karin Bergmann zurückgekehrt. In der Zwischenzeit ist seine Coolness einer Feierlichkeit gewichen, die man von seiner Kollegin Andrea Breth kennt (obendrein arbeiten beide mit dem Bühnenbildner Martin Zehetgruber und dem Komponisten Bert Wrede zusammen). Es herrscht Düsternis und Kühle, selbst die Verzweiflung der Verurteilten und ihrer Angehörigen wirkt kalkuliert. Das lässt alle Figuren betörend ambivalent bleiben: Trotz der offensichtlichen Absurdität der Hexereivorwürfe lässt sich kaum jemand guten Gewissens in Gut oder Böse einordnen. Insgesamt wird aber enttäuscht, wer sich von Martin Kušej einen Theater-Knalleffekt erwartet hat. Er macht es sich insofern leicht, als er erkennt und sich zunutze macht: Man muss nicht viel tun, um dieses Stück im postfaktischen Zeitalter aktuell erscheinen zu lassen.

Burgtheater, Sa 19.30


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