Kunst Kritik

Schwebendes Eis, tanzende Ratten


MD
Lexikon | aus FALTER 02/17 vom 11.01.2017

Der Wiener Maler Hubert Scheibl steht für die Kunst der 1980er-Jahre, als junge Künstler von der Installation zur Leinwand und vom kalten Fotoapparat zum warmen Selbstausdruck zurückkehrten. In der Ausstellung "Fly" in der Orangerie des Unteren Belvedere zeigt Scheibl nun, dass Konzept und Expression eine durchaus produktive Verbindung miteinander eingehen können. Dort experimentiert Scheibl mit der ästhetischen Wirkung großer Formate. Eine Serie teils riesiger Leinwände ist so gehängt, dass sie eine Art Raumlabyrinth ergeben. Das Einzelwerk verwandelt sich in eine Tapete, in der sich der Blick des Betrachters verliert.

Scheibls formales Prinzip sind Flächen, in die er mit spitzem Werkzeug hineinkratzt. Die Spalten in den Farbwolken erzeugen eine räumliche Wirkung, bei längerer Betrachtung gar einen psychedelischen Wirbel. Der Ausstellungssaal verliert seine schlauchartige Gestalt - wie in einer Barockkirche ermöglichen die Leinwände ein Spiel der Illusionen. "Nicotine on Silverscreen" etwa erinnert an eine Eisschicht, durch die blauer Himmel schimmert. Das Schwebende barocker Deckenmalereien übersetzt Scheibl in das Vokabular abstrakter Malerei. Oberflächen mit dichten Rotschleiern folgen weiße Monochromien, aus denen zarte Farbspuren leuchten, auf einen dramatischen Wechsel zwischen heftig und zart abzielend.

Ein paar Mal überspannt der Künstler den Bogen, in dem er (etwa im Gemälde "Ones") den Effekt von Farbkontrasten und freier Pinselführung allzu didaktisch vorführt. Scheibl ist sich der Fallen jedoch bewusst, in die jeder gerät, der sich auf das Erbe expressiver Malerei einlässt. Gleich neben dem Notausgangschild hängt das Bild einer Ratte, jenem Tier, das mit der Verwertung von Überresten ein Auskommen findet.

Belvedere, Orangerie, bis 5.2.

"Plants and Murders", 2014


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