BUNDESLÄNDER

Gedenktheater: "71" oder Der Fluch der sachlichen Abwicklung


Kritik: Martin Pesl
Lexikon | aus FALTER 02/17 vom 11.01.2017

Am 27.8.2015 wurde auf der Autobahn bei Parndorf ein grausiger Fund gemacht: 71 geflohene Männer, Frauen und Kinder waren in einem Lkw, in dem sie von Schleppern nach Österreich gebracht worden waren, ums Leben gekommen.

Statt ein Marterl aufzustellen oder eine Plakette anzubringen, nahm der Parndorfer Gemeinderat den Vorschlag der Theaterinitiative Burgenland an, der Tragödie mithilfe einer Theaterproduktion zu gedenken. Regisseur Peter Wagner beauftragte 21 Autorinnen und Autoren aus dem Burgenland (etwa Sophie Reyer, Katharina Tiwald und sich selbst) mit Texten zum Thema. Außerdem schwärmten die Schreibenden mit Kameras aus und befragten Politiker, Bestatter, Einsatzkräfte und andere, deren Aussagen die literarische durch eine dokumentarische Aufarbeitung ergänzen sollen.

Die Videos und sehr unterschiedlichen Textgattungen -vom abstrakten Gedicht über die Gameshowpersiflage -hat Wagner zur Performance "71 oder Der Fluch der Primzahl" verwirbelt, die sich entsprechend abwechslungsreich, informativ und dank der Livemusik Ferry Janoskas auch nicht allzu deprimierend ausnimmt. Da alle 21 Werke untergebracht werden müssen, zeigt Wagners Inszenierung aber bald Ermüdungserscheinungen. Da werden dann erzählende Monologe einfach in Handys gesprochen, und der sarkastisch-bittere Ton mancher Kurzstücke erschöpft sich darin, dass die Darsteller als überzogene Comicfiguren über die Bühne trippeln. Aufschlussreich sind die Interviews, die die erschreckend sachliche Abwicklung der Tragödie offenlegen. F ORF-Landesstudio Eisenstadt, Fr 19.30, OHO -Offenes Haus Oberwart, Do 19.30


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