Film Premiere im Filmmuseum

Metaphorischer Nachhall: "Bella addormentata"

GERHARD MIDDING
LEXIKON : FILM, FALTER 04/17 vom 25.01.2017

Das juristische und politische Tauziehen um das Weiterleben der junge Eluana Englaro, die nach einen Verkehrsunfall 17 Jahre im Koma lag, spaltete im Februar 2009 Italien. Ein Gericht gestattete den Eltern, die lebenserhaltenden Maßnahmen einzustellen. Unter dem Druck der katholischen Öffentlichkeit versuchte die Regierung Berlusconis, dies in letzter Minute zu verhindern.

In Marco Bellocchios Film erscheinen die sechs Tage bangen Wartens als paradoxe Spaltung, denn sie sind eine Zeit intensiver nationaler Anspannung: Ganz Italien ist im Streit verbunden. Das Drehbuch trägt dieser rissigen Gemeinschaft Rechnung, indem es aus drei parallel geführten Geschichten ein gesellschaftliches Mosaik zusammenfügt. Ein Senator (Toni Servillo) ringt mit seinem Gewissen und will aus dem Fraktionszwang ausscheren, während seine Tochter (Alba Rohrwacher) vor dem Krankenhaus gegen den vermeintlichen Mord demonstriert. Eine Schauspielerin (Isabelle Huppert) hofft, durch den Zauber der katholischen Liturgie ihre Tochter aus dem Koma erwecken zu können. Eine junger Arzt wacht über eine Drogenabhängige, die einen Suizidversuch begangen hat.

Der Vorwurf bei der Premiere in Venedig, der "Bella addormentata" traf - für die Euthanasie einzutreten -, greift nicht. Vielmehr ist der Film ein nüchternes Plädoyer für das Leben. Den Dornröschenschlaf des Titels darf man als Anspielung auf das Märchen sowie als Metapher für Italien lesen. Dieses doppeldeutige Verhältnis zur Wirklichkeit ist das ästhetische Spannungsfeld, in dem sich Bellocchio souverän bewegt. Sein Film ist von ihr kontaminiert (einige Demonstranten spielen sich selbst), findet aber zugleich in seinem Bild des Politikbetriebes zu surrealer Wahrhaftigkeit. In diesem Land, so heißt es einmal, regiert man nicht ohne den Vatikan.

Filmmuseum, Do 26.1., 18.30, Fr 20.45 (OmenglU)

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FALTER 21/19
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