Beamtenbox statt Heldenepos

Fancy Container oder schiache Beamtenboxen? Das Ausweichquartier des Parlaments auf dem Heldenplatz polarisiert die Stadt. Aber wie soll sich Demokratie heute in der Stadt überhaupt präsentieren?

EINSCHÄTZUNG: MAIK NOVOTNY | Stadtleben | aus FALTER 04/17 vom 25.01.2017


Foto: Heribert Corn

Um 20 Uhr am Abend des 9. November 1989 wurde die 174. Sitzung des Deutschen Bundestages unterbrochen, als die Nachricht von der Grenzöffnung aus Berlin eintraf. Die Abgeordneten aller Fraktionen erhoben sich spontan und stimmten gemeinsam die Nationalhymne an. So weit, so bekannt.

Nahezu vergessen ist jedoch, dass sich dieses historische Geschehnis in einem Provisorium abspielte. Von September 1986 bis Oktober 1992 tagte der Bundestag im ehemaligen Bonner Wasserwerk, während nebenan der von Architekt Günter Behnisch entworfene neue Plenarsaal entstand. Der Würde des Moments tat die temporäre Unterbringung an diesem 9. November keinen Abbruch.

Ironischerweise war es auch der Mauerfall, der den nach langwieriger Entscheidungsfindung errichteten, 256 Millionen Mark teuren Behnisch-Bau wenig später selbst zum Provisorium degradierte. Als dieser 1992 bezogen wurde, hatte das Parlament längst den Umzug nach Berlin beschlossen, Ende 1999 tagte es zum letzten Mal in Bonn. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Neubau nur ein paar Monate länger seine staatstragende Funktion innegehabt als das spartanisch hergerichtete Wasserwerk.

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