Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Zwei Kanzler

Politisch schwergewichtig und typografisch kam das Cover von Ausgabe 4/1997 daher


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Falter & Meinung | aus FALTER 04/17 vom 25.01.2017

Kaum war die Sache mit der Bank Austria/Creditanstalt gegessen, trat der Kanzler ab. Aus freien Stücken, aber doch mit dem Murren der Partei im Rücken, mit einem andrängenden Jörg Haider von vorn und einem ehrgeizigen Viktor Klima von der Seite. Dieser Finanzminister Klima erschien vielen als der neue Anti-Haider, Othmar Pruckner und Thomas Seifert berichteten in ihrem Porträt des Neuen, der Alte (Franz Vranitzky) habe ihn manchmal neckend "Jörg Klima" gerufen.

Vom Falter befragte Intellektuelle (als es noch comme il faut war, Intellektuelle zu befragen) sahen das teilweise auch so. Der Essayist Franz Schuh: "Haider fürchtet sich jetzt zu Recht. Er weiß ja, seine Art von Politik ist ein welthistorisches Prinzip und somit nicht unbedingt an eine bestimmte Person gebunden. Verdammt, wenn jetzt ein anderer die Rolle spielt, die ihm, dem Jörgl, so auf den Leib geschneidert schien "

Um unter Hegelianern zu bleiben: Der Schriftsteller Robert Menasse gab dem Chronisten ein großes Interview, in dem die boshaft-geniale Bemerkung stand: "Vranitzky war der Fels in der Brandung des Steinernen Meeres." Auch hübsch: "Haider hat einen starken Veränderungswillen. Er verändert die Bedeutung von allem." Und: "Wolfgang Schüssel löst keine Probleme. Er ist ein Populist, der nicht populär ist."

Der dritte Hegelianer war der Philosoph Rudolf Burger, ein Fan Vranitzkys, der diesem nachrief, er habe nichts wollen "als die Herstellung von ,selbstverständlicher Normalität'. Er hat es weitgehend erreicht. Mehr war nicht zu machen, vorläufig. Ich fürchte, jetzt geht man wieder auf die Menschen zu, und es wird wieder herzlich."

Vranitzky selbst gab Martin Staudinger und mir sein letztes Interview im Amt. Ob wir den Film "Kansas Kid" kennten, fragte er uns. "Nein. Schade. Dort gibt es ein Lied, das sich auf Kansas Kid, einen Boxer, bezieht. Das Lied heißt ,Come on kid, this is the kid's last fight'. So. Dazu sind Sie eingeladen." Sprach's, plauderte mit uns ein Stündchen und räumte anschließend sein Büro, das legendäre Härdtel-Zimmer. Sein Nachfolger blieb ein Intermezzo.


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