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"Yolocaust" und das richtige Erinnern

BERICHT: BENJAMIN BREITEGGER | Medien | aus FALTER 04/17 vom 25.01.2017

Wer das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin besucht, erlebt verstörende Momente: Jugendliche inszenieren sich lachend und Zigarette anzündend und machen davon Fotos. Ein Mahnmal als Kulisse für die Selbstdarstellung.

Shahak Shapira hat das zum Anlass für ein bissiges Projekt genommen: "Yolocaust", eine Wortschöpfung aus dem Jugendsprech-Ausdruck Yolo ("You only live once") und Holocaust. Er hat auf Facebook und Instagram öffentliche Fotos heruntergeladen, die vor dem Holocaust-Mahnmal entstanden sind. Fährt man mit dem Mauszeiger drüber, wechselt der Hintergrund. Statt des Mahnmals sieht man Leichenberge und abgemagerte Gefangene. Die fröhlich posierenden Touristen bleiben dieselben.

Shapira ist Satiriker, Israeli und Berliner. Mit der erfolgreichen Provokation -in den ersten 24 Stunden wurde die Seite mehr als eine Million Mal aufgerufen - will er ein kritisches Bewusstsein für die Dimension des Massenmords an den Juden "erzeugen oder erhalten".

Kann er das? Bewirkt es, dass die Fotografen einsichtig werden -oder hat das nichts mit Erinnerungskultur zu tun? Erste Touristen haben sich schon erkannt, Shapira hat die Fotos von seiner Seite genommen. Und für die Darstellung haben ihm Mitarbeiter der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem Zuspruch zugesichert, sagt er. Die jüdische Autorin Mirna Funk hingegen nennt "Yolocaust" eine "beschissene Aktion", die nur diejenigen erreiche, die schon jetzt empathisch reagieren. Nachhaltig für Erinnerungskultur sei sie nicht, schreibt Funk auf Zeit Online. Ja, es gebe ein Problem mit der Erinnerungskultur. Die Frage laute deshalb: Wie erreichen wir jene, die bis jetzt mit Abwehr reagiert haben?

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FALTER 16/19
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