Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Die einsamste Straße der Welt der Woche


STEFANIE PANZENBÖCK
FEUILLETON | aus FALTER 05/17 vom 01.02.2017

Die Welt wird leer und leise, wenn sich ein graukalter Wintertag über sie legt. Der Himmel schiebt sich wie eine dicke Eisdecke über sie, der Wind säuselt zwar nur, doch am Ufer des zugefrorenen Neusiedlersees verbeißt er sich in die Spaziergängerin.

Während ein paar Wagemutige ihre Schlittschuhe anziehen und über die Seedecke laufen, zieht sich die Besucherin weiter ins Land zurück. Biegt man ein paar Kilometer südöstlich von der Bundesstraße ab, verläuft eine einsame Straße bis zur Grenze nach Ungarn. Links und rechts wachsen einzelne hohe Bäume, ein paar Holzskulpturen säumen den Weg.

Dahinter breitet sich das Land in einer endlosen Ebene aus. Der Nebel lässt die Konturen verschwimmen, kein Mensch, kein Haus.

Stille schleicht sich ins Auto, Ruhe breitet sich aus, während man langsam weiterholpert. Irgendwann ist am Ende ein brauner Turm erkennbar, weiter rechts, auf der anderen Seite des schmalen Flusses, steht noch einer.

Dazwischen befindet sich die Brücke von Andau, eine unscheinbare Holzkonstruktion. Zum ersten Mal berühmt wurde sie, als 1956 nach dem Aufstand der Ungarn gegen die sowjetischen Besatzer zehntausende Menschen über die Brücke nach Österreich flüchteten. Im Jahr 2000 machte sie der Regisseur Franz Antel zu einem Hauptschauplatz seines Films "Bockerer III". Heute erinnern noch Fähnchen und Zettel am Geländer an die 70-Jahr-Feierlichkeiten aus 2016.

Auf einem Stück Papier steht "Flüchten ist schrecklich. Besser ist, wenn sich alle vertragen." Hinter der Brücke ist der "Iron Curtain Trail" für Radfahrer gekennzeichnet. Die Geschichte hat der Friedensfolklore Platz gemacht. Der Weg zurück ist noch ein Stück einsamer geworden. Und sogar noch ein bisschen schöner.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

×

Anzeige

Anzeige