Gute Nacht, Wien!

Kürzlich verbrannte eine Obdachlose beim Versuch, sich an einem Feuer zu wärmen. Die Stadt verweist auf freie Notschlafstellen. Ist es wirklich so einfach? Unterwegs mit dem Kältebus der Caritas

PROTOKOLL: SASKIA WOLFESBERGER MITARBEIT & FOTOS: NINA STRASSER | STADTLEBEN | aus FALTER 05/17 vom 01.02.2017


Foto: Nina Strasser

Es ist 20 Uhr: Unter den Büschen am Donaukanal liegt ein Mensch auf einer Bank. Dick eingepackt im Schlafsack, Decke drüber, Kapuze ins Gesicht gezogen, noch eine Pudelhaube darunter. Das ist Günther Lechner, 56 Jahre alt, ehemaliger Kohlearbeiter aus Niederösterreich. Seit mehr als drei Jahren wohnt er auf der Bank am Donaukanal. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Tiefe Falten, Strubbelbart und eine Haut wie Leder zeugen davon. Heute Nacht hat er Besuch.

Ein Passant hat beim Kältetelefon der Caritas angerufen und von dem Obdachlosen am Donaukanal berichtet. Jetzt hockt die 46-jährige Sozialarbeiterin Susanne Peter vor der Bank und drückt die raue, schmutzige Hand von Günther Lechner. „Sie haben ja warme Hände“, stellt Susanne Peter in ihrer leuchtend roten Caritas-Jacke fest. „Ich habe es ja auch warm“, antwortet Günther Lechner. Was folgt, ist ein langer Versuch, den Mann trotzdem zu überzeugen, für eine Nacht in einer Notunterkunft zu schlafen. Aber Günther Lechner bleibt stur. Er will nichts, er braucht nichts. Er befürchtet, dort bestohlen zu werden, und er mag die anderen Obdachlosen nicht und außerdem geniert er sich. Er hat seit Oktober nicht mehr geduscht. „Sie könnten bei uns duschen“, bietet Susanne Peter an. „Am Donnerstag werde ich mitkommen. Heute nicht“, lautet die Antwort

Wie viele Menschen in Wien so wie Günther Lechner leben, weiß niemand so genau. Denn Obdachlose tauchen in keiner offiziellen Statistik auf. Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAWO) sind Obdachlose zu schwer zu erfassen. Die BAWO geht von etwa 6000 Obdach- und Wohnungslosen in Wien aus. Sie zählt in erster Linie die Menschen, die eine Nacht in einer Notunterkunft oder sozialen Einrichtung verbringen.

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