Erfrischend: Erni Mangold und Meo Wulf in "Harold und Maude"


KRITIK: MARTIN PESL
FEUILLETON | aus FALTER 05/17 vom 01.02.2017

Zum 90. schenkt das Theater in der Josefstadt Erni Mangold einen jugendlichen Bühnenliebhaber und somit sich selbst einen überraschend unkonventionellen Hit. Das Alter der ursprünglich knapp 80-jährigen weiblichen Hauptfigur im Filmklassiker "Harold und Maude" wurde dem Mangolds angepasst. Wie diese vorhat, sich mit der Rolle der Maude von der Bühne zu verabschieden, will Maude an ihrem 90. Geburtstag aus dem Leben scheiden. Eine makabre Verbindung, die den Abend aber so erstaunlich macht.

Die Kammerspiele, bekannt als hemmungslose Boulevardbühne, verweigern sich der manierierten Publikumsanbiederung. Lakonisch und glaubwürdig wird die Liebesgeschichte des todessehnsüchtigen Zwanzigers Harold Chasen und der lebensfroh-rebellischen Blumen-, Möbel-und Robbendiebin Maude erzählt.

Dramaturgin Doris Happl und Regisseur Fabian Alder haben den Text von Colin Higgins (1971) schlüssig modernisiert: Martina Stilp ist als Harolds Mutter eine hektische Smart-Home-Ownerin, aber auch die vorgetäuschten Selbstmordversuche ihres Sohnes sind technisch versiert: Da sieht es schon einmal so aus, als läge sein Kopf auf dem Serviertablett, während ein Rumpfroboter bei der Tür hereinkommt.

Die Überraschung perfekt macht Meo Wulf. Wenn er als verliebter Harold tanzend ein Befeuchtungsmittel versprüht, wird er selbst zum Frischespray für die Josefstadt. Wie schon in "Die Verdammten" ragt Wulf durch Nuanciertheit und Natürlichkeit aus dem Ensemble heraus. Entschlossen rebelliert sein Harold gegen die Mutter und verfällt dem Freigeist Maude. Erni Mangold ist ihm in ihrer drahtigen Fitness und ihrem schrägen Charme die perfekte Partnerin.

Bisweilen gibt es auch hier die für die Kammerspiele typischen platten Auftritte, insgesamt aber gelingt der Spagat zwischen Komik und Tragik, vermeintlicher Normalität und abgründiger Verschrobenheit. Eine feine Feier der Seltsamkeiten. F

"Harold und Maude", Kammerspiele, 31.1.-3.2.


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