Musiktheater Kritik

Reinrassiger "Arier" oder asozialer Außenseiter?

HR | Lexikon | aus FALTER 08/17 vom 22.02.2017

Die zentrale Figur der dramaturgisch sehr gut von Werner Egk mit neuem Libretto versehenen, 1938 uraufgeführten Oper "Peer Gynt"(nach Henrik Ibsens dramatischem Gedicht) ist ein Phantast, Träumer und größenwahnsinnig-asozialer Außenseiter, der eine Außenseiterin liebt und immer wieder vor ihr flieht. Die in Peter Konwitschnys Inszenierung von Beginn an blinde Solveig tauscht der auch sängerisch bezwingend den melancholischen Kraftlackel darstellende Bo Skovhus wiederholt gegen "Die Rothaarige" aus, beide von Maria Bengtsson in Doppelrolle großartig gesungen und gespielt.

Sie erscheint als Wirtstochter und Prostituierte und gibt sich Peer Gynt als Tochter des Trollkönigs (Rainer Trost) zu erkennen. Dieses Reich der Trolle erscheint in Konwitschnys Deutung als ein Kaufhaus voller hirnloser Konsumenten, deren Wahlspruch "Kauf das, was dir gerade gefällt" Peer Gynt zusagt. Sind die Trolle nun als "Untermenschen" oder eher als verbiesterte Mitläufer des Nazi-Regimes zu verstehen? "Entarteter Musik" - etwa Cancan, Tango und Charleston sowie gestopfter Trompete - bedient Egk sich vor allem dann, wenn er die Trollwelt musikalisch denunziert und charakterisiert.

Die Oper ist ein Stilmix aus Arie, Lied, Tango und Schlager, der an Korngold, Krenek und Weill erinnert. Ähnlich wie in "Mahagonny" sagt Peer Gynt darin: "Dem Starken, nicht dem Schwachen wird's gegeben. Und wer nicht selber tritt, der wird getreten." Egk wollte eine neue Art deutscher Musik schaffen. Damit glaubte er, in Joseph Goebbels einen Verbündeten zu haben. Für Alfred Rosenberg war Peer Gynt ein "rassisch reiner nordischer Charakter". Egk war kein Nationalsozialist, aber er entsprach dem von Goebbels vertretenen Ideal von Kultur und Unterhaltung in manchem besser als die Nazis selbst.

Theater an der Wien, Sa, Mo, Mi 19.00


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