Moizeid, Mamsell

Ein einst vergessenes Beisl ist eine der heißesten Adressen der Stadt. Auch mittags


LOKAL KRITIK: FLORIAN HOLZER
Stadtleben | aus FALTER 08/17 vom 22.02.2017


Foto: Heribert Corn

Oliver Jauk war bis vor kurzem Kulturmanager, machte Projekte wie „Palazzo“ und „Theatro“, leitete die kulturelle „Zwischennutzung“ des Gschwandner in Hernals und wäre wohl dessen Direktor gewesen, wenn’s etwas geworden wäre.

Wurde aber leider nichts, weshalb er zu Naheliegendem griff und sich ein bisschen um die Gastronomie in seinem Wohngrätzel kümmerte. Zuerst um das Stiegenbeisl, das er kurzzeitig zu einer Art Neo-Heurigen machte, und dann Ende vorigen Jahres um das Ludwig Van, ein Beisl, dessen beste Zeiten auch schon länger her sind.

Und das auch so aussieht wie ein Beisl, dessen beste Zeiten schon länger her sind: Die ehemalige Schlosser-Werkstätte, die vor genau 30 Jahren zum Lokal gemacht wurde, besteht aus einem fensterlosen, niedrigen Raum, der dereinst noch dazu mit dunkelbrauner Lamperie und schwerem, altdeutschem Mobiliar ausgestattet wurde.

Ein verglaster Brunnenschacht mitten im Lokal sorgt nur mäßig für Heiterkeit und die Totenmaske Beethovens an der Wand ist stimmungsmäßig jetzt auch nicht so der Renner. Dennoch bekommt man im Ludwig Van derzeit abends nur mit Glück einen Platz und mittags schickt die Küche zwischen 40 und 60 Essen.

Wie das sein kann? Weil es so irrsinnig gut ist. Abends kochen hier nämlich Walter Leidenfrost und Julia Pimingstorfer eine wienerisch-französische Gourmetküche, die so attraktiv, kreativ, mutig und gleichzeitig so unkompliziert ist, dass man das gern jeden Tag essen würde.

Und für das Mittagsgeschäft holte sich Jauk Nora Kreimeyer, die vor dreieinhalb Jahren ein paar Häuser weiter im St. Charles Alimentary begann und da innerhalb kürzester Zeit eine ziemliche Fan-Community gewann. Weil die Frau „Mamsell“ nicht nur extrem gut kochen kann, sondern man auch das Gefühl hat, dass sie das sehr gerne tut. Und gerne mit guten Zutaten arbeitet, ihnen gerne einen Pfiff verleiht, Dinge gerne selbst macht, die man sonst eher nicht so gern selbst herstellt, Würste zum Beispiel (Merguez stehen für demnächst auf dem Programm), „es macht mir einfach Spaß im Kopf“, sagt sie.

An diesem Tag gab’s eine klare Gemüsesuppe mit fein geschnittenem Wirsing, ein bisschen Chili, ein paar Apfelstückchen, Champignons und ordentlich Kürbiskernöl, eine Suppe also, die man als durchaus abendfüllend bezeichnen kann.

Und dann ein Lammragout, das anfiel, weil hier ganze Lämmer verarbeitet werden und Nora Kreimeyer die Keulen für den Mittag in Stückerln schnitt, während Filet, Kutteln, Niere und Leber am Abend drankamen. Ein Ragout zart orientalisch gewürzt, dazu Rote-Rüben-Salat mit Minzjoghurt und ein Couscous mit in Orangensaft gekochten Dörrzwetschken. Was übrigens genauso gut schmeckte, wie es sich anhört und insgesamt 12,50 Euro kostete. Wer da nicht Mittagessen geht, ist selber schuld.

Resümee:

Ein finsteres Beisl ist derzeit das heißeste Lokal der Stadt, obwohl es gar nicht so aussieht. Und Mittagessen wird hier neu erfunden.

Ludwig Van
6., Laimgrubeng. 22,
Tel. 01/587 13 20
Mo–Fr 11.30–14.30,
Di–Fr 18–24 Uhr
www.ludwigvan.wien


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