Film Neu im Kino

Armes Amerika! Action aus verletztem Stolz: "Boston"

Drehli Robnik | Lexikon | aus FALTER 08/17 vom 22.02.2017

Das Terrorfahndungsdrama "Boston - Patriots Day" über den Bombenanschlag auf den dortigen Marathon 2013 und die Flucht der Täter enthält ein Juwel von Actionszene. Polizei und dschihadistisches Brüderpaar im Shootout nachts zwischen Reihenhäusern: stark, weil trocken in Choreografie, Sound, Licht und Schnitt. So lapidar, dass es spektakulär ist: Das setzt komplexe Operationen voraus und ist doch einfach als "Dokudrama" zu bezeichnen.

"Boston" stellt Alltagsmenschen in ihren Räumen, Reden und Schicksalen aus, mit Fotos und Factsheets im Abspann. Im Ensembleplot der Allerweltsgesichter sticht die Psychodynamik der Brüder hervor, Mark Wahlberg als Cop-Hero sowie Kevin Bacon und J.K. Simmons als Ermittler. Der Film betont Aspekte ihrer Medienarbeit: Polizeifunk, Wettlauf mit veröffentlichungsgeilen Sendern, Auswertung von Überwachungskameras in Tatortgrundrissrekonstruktion und einmontiertem Originalmaterial.

Abgesehen vom Krimi-Element dreht Peter Berg mit "Boston" zum dritten Mal denselben (packenden) Film. Auch die Afghanistankriegsund Bohrinsel-Action in "Lone Survivor" und "Deepwater Horizon" boten "American Carnage" (O-Ton D.J. Trump): True Story mit Hacklern in Uniform, Prolos in Gefahr, jargonös, dezimiert, lädiert, allen voran Wahlberg, zunehmend mit Auftritten tougher Frauen. Nicht-Weiße kommen als Mörder oder aber demütig ins Bild. Im Kinokontext gesehen ist das "Captain Philips" plus Krach bzw. "Zero Dark Thirty" minus Obsessionsanalyse. Im erweiterten Medienkontext, in Hinblick darauf, was Leute verbindet und Kollektive bildet, bietet die Marke Berg Hochleistungspathos, Spezialität: Abspannweihespiele. Maskulinistische Gekränktheit will fürs soziale Ganze einstehen, Außenfeindabwehr für Binnenvielfalt, Alarmzustand für Liebe. Nein.

Ab Fr in den Kinos (OF im Artis)


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