Enthusiasmus Kolumne der Superlative

Das beste Album der Welt des Jahrzehnts


Lukas Matzinger
Feuilleton | aus FALTER 09/17 vom 01.03.2017

Da gibt es diese Alben, die einen mit dem ersten Ton erobern, die einem Neues zeigen und einen erst entlassen, nachdem die Scheibe aufhört, sich zu drehen.

Alben, die mehr sind als die Summe ihrer Lieder, bei denen alles unumstößlich sitzt, sodass man Gefahr läuft, irgendwann weniger zuzuhören, als angehört zu werden.

Van Morrison konnte solche Alben machen, Neil Young und Nick Drake , die konnten solche Alben machen. Das letzte Album dieser Reihe ist vor drei Jahren erschienen, es heißt "Niagara", eine Konzept-Doppel-CD mit einer amerikanischen und einer kanadischen Seite. Geschrieben hat es der beinahe unbekannte englisch-kanadische Liedermacher John Southworth, der bis heute nicht mehr als 913 Menschen auf Facebook gefällt.

Die Musik, die John Southworth auf diesem Album schuf, grenzt an Folk, Pop und Kammermusik, sie ist raffiniert, elegant und harmonisch und doch betörend verletzlich. Der bleiche, dünne Mann schafft es, auf derselben CD zu triumphieren und zu siechen. Es fühlt sich gut an, mit etwas so Reichem in Berührung zu kommen.

Die Art, wie John Southworth Musik schreibt, ist besonders und nicht wiederholbar. Er tut es ohne Tricks und ohne Schablonen, jeder Song trägt zum Gelingen des Ganzen bei. Die Instrumente und Sätze fließen in eine große Erzählung, seine Annäherung an die nordamerikanische Seele.

John Southworth fliegt so hoch auf diesem Album, er erschafft eine Welt, und sie ist wundervoll, man hat Mühe, sie ganz zu fassen. Jedes Hören bringt einen anderen Zauber, ein neues Staunen.

So steht sie da, die Leistung seines Lebens, und man hört diese Lieder, als stünde man am Fuße der Niagarafälle. Und es wäre immer derselbe Wasserfall, und doch immer neues Wasser.


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