Frauenpower mit Gummipenis: "Macht und Rebel" im Werk X


Theaterkritik: Martin Pesl
Feuilleton | aus FALTER 09/17 vom 01.03.2017

Der norwegische Künstler Matias Faldbakken fand das Bildungsbürgertum in den 2000er-Jahren so richtig zum Speiben, in einer Romantrilogie kanalisierte er seinen Ekel. Vor Wirtschafts-und Flüchtlingskrise traf die "Skandinavische Misanthropie" einen Nerv der Wohlfühlgesellschaft.

Heute könnte man sie als überholt ansehen: Feel-good ade, Gesellschaft gespalten, nur anti reicht nicht. Umso mehr überrascht die Adaption des Mittelteils der Trilogie im Werk X durch unverkrampfte Aktualität. In Zeiten uninspirierter Hasspostings sind die in "Macht und Rebel" gezeigten hater wenigstens originell. Die Idee der zwei Titelfiguren: Pädophilie als Strategie gegen die Globalisierung! Das ist natürlich idiotisch, ergibt innerhalb des Stücks aber erschreckend viel Sinn. So viel, dass die Protagonisten am Ende ein paar üble Judenwitze nachschieben müssen, um uns zu erinnern, dass sie auch nur Zyniker sind.

Regisseur Ali M. Abdullah hat Haupt- (grausliche Männer) wie Nebenrollen (missbrauchte Teenies) mit Schauspielerinnen zwischen 29 und 42 besetzt. Die weisen gleich zu Beginn akkurat darauf hin, dass der Musiker Andreas Dauböck das Ensemblemitglied mit dem kleinsten Schwanz sei. So eignen sie sich die Machoprotznummer voll und ganz an und ziehen neben dem von Faldbakken kritisierten Kuschelkapitalismus auch den Autor selbst durch den Kakao.

Constanze Passin als "Rebel" und Michaela Bilgeri als "Macht" führen ein fantastisches Team an, das bei Paintball, Porno und Hitler-Reden vor Energie strotzt. Misogyne Witze reißen und einander unbeholfen von hinten nehmen dürfen sie, so viel sie wollen. Würden Männer all das ausspielen, wäre die Geschmacksgrenze überschritten. Wenn diese fünf Frauen aber versuchen, mit Gummipenissen und drübergezogenen Kondomen einen Teenporno zu drehen, ist das vor allem hochkomisch, besonders weil sie ihr Handeln dabei ideologisch untermauern. Misanthropie hin oder her, man kam schon lange nicht mehr so beschwingt aus dem Werk X.

Termine: 1., 2., 17., 18.3.


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