Film Neu im Kino

Fliege an der Wand: "Paradies! Paradies!"


Sabina Zeithammer
Lexikon | aus FALTER 09/17 vom 01.03.2017

Man könnte die zierliche Filmemacherin für zehn Jahre jünger halten, während sie vorführt, welche Kleidungsstücke sie in den Irak mitnehmen wird: "Ur blöd!", sie habe nur durchsichtige Sachen. Die Familie der 1990 geborenen Kurdwin Ayub floh 1991 nach Österreich. Für ihren Dokumentarfilm "Paradies! Paradies!" begleitete sie ihren Vater, den Arzt Omar Ayub, in dessen Heimat Kurdistan. Er träumt davon, eine Wohnung zu kaufen, um in der Pension hierher zurück zu ziehen.

Die entspannt-liebevolle Vater-Tochter-Beziehung bildet die Basis dieses gelungenen Generationenporträts. Einmal beschützend, einmal bestimmend zeigt sich Omar, einmal kindlich, einmal spitze Fragen platzierend Kurdwin. Während er auf ein Paradies blickt, fühlt sie sich in der Fremde, gemein ist ihnen jedoch, dass sie sich nicht allzu ernst nehmen.

Von Wien aus geht es in die Wohnzimmer der Brüder Omars, in denen die Großfamilie fernsieht -häufig Propaganda der Peshmerga, die in der Nähe gegen den IS kämpfen. Nach Besichtigungen halb fertiger Wohnimmobilien und innerfamiliären Beobachtungen bildet ein Besuch an der Front einen bizarren Höhepunkt.

Ayubs intimer Homevideo-Stil ermöglicht, wovon man manchmal träumt: Fliege an der Wand zu sein. Als Kehrseite bleiben Hintergründe unbeleuchtet. Tragik schimmert durch die leichtherzige, verspielte Oberfläche der Doku, wenn die Tante im Off schreit und Kurdwins Mutter ausschließlich im Bett liegend zu sehen ist. Dass man sich vom mädchenhaften Auftreten der Filmemacherin nicht täuschen lassen sollte, beweisen übrigens nicht nur ihre performativen Kurzfilme. Im sehenswerten Videotagebuch zu ihrer Doku, das auf der Homepage zu finden ist, schimpft sie wie ein Rohrspatz über die Unterdrückung der Frau.

Ab Fr im Kino (OmU im Schikaneder)


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