Selbstversuch

So etwas wie Peinlichkeit existiert nicht


Doris Knecht
Kolumnen/Zoo | aus FALTER 09/17 vom 01.03.2017

Natürlich bin ich in Wirklichkeit zu alt für den Scheiß. Aber dann auch wieder nicht. Es kann nicht schaden zu wissen, wie die jüngeren Frauen heutzutage drauf sind, in welcher Realität sie leben, wie sie für sich einen Platz darin finden, wie sie sich definieren, wie sie artikulieren, womit sie kämpfen. Was für sie jetzt selbstverständlich ist und wofür sie immer noch Mut brauchen und Tapferkeit. Deswegen habe ich mir am Wochenende, unterstützt von einem kleinen Magendarmdings, die ersten drei Folgen der letzten "Girls"-Staffel angesehen und die erste "Fleabag"-Staffel. Und ich habe den Marokko-Reisebericht der drei jungen Autorinnen Lydia Haider, Maria Hofer und Stefanie Sargnagel im letzten Standard-Album gelesen, und er ist ein Traum.

Und zwar von jedem Standpunkt aus gesehen: vom literarischen, vom humoristischen und vom feministischen. Hier nehmen sich drei weibliche Schriftsteller all das heraus, was sich Frauen bisher nicht so erlaubten, was wir sonst vor allem von männlichen Autoren und ihren momentan so schicken Lebensabenteuerberichten kennen: Einen radikalen Mut zur Oberflächlichkeit, eine tapfer-derbe Sprache auch in Bezug auf die eigene Sexualität und ein lebendiges Bekenntnis dazu, dass etwas Derartiges wie Peinlichkeit nicht existiert bzw. nur als willkommener Quell für das eigene Schreiben, die eigene Erzählung. Also ähnlich wie in der aktuellsten und bisher besten Girls-Folge ever, in der es letztlich auch darum geht, was für Geschichten junge Autorinnen wie erzählen sollen und dürfen.

In "American Bitch" wird Hannah Horvath von einem gefeierten New Yorker Schriftsteller in sein Wahnsinnshaus eingeladen, nachdem sie auf einer feministischen Website in einem literarischen Text seine Affären mit Literaturstudentinnen kritisiert hatte. Der Schriftsteller, ein attraktiver, gescheiter, sensibler Mann (Matthew Rhys!!) versucht Hanna zu beeindrucken, und es gelingt ihm. (Es ist lustig, dass durch den eingangs erwähnten Reisebericht André Heller in wallenden Gewändern wandelt, denn das Haus voller selbstreferenzieller Kunst, voller Fotos seines Besitzers mit berühmten Zeitgenossen und von weltbesten Autoren signierten Büchern, erinnerte mich irgendwie an Hellers Atelier.) Es ist ein famoser, sehr moderner und präzise beobachteter Genderdiskurs mit grandiosem Ausgang. Und ich bin jetzt bereit, Lena Dunham mit Philip Roth zu vergleichen.

Auch "Fleabag" macht Hoffnung, es ist so was wie das britische "Girls", geschrieben von Hauptdarstellerin Phoebe Waller-Bridge: sehr derb und direkt, extrem lustig, ziemlich traurig und sehr genau. Es lebt von der komplexen Hauptfigur Fleabag. Fleabag ist um die 30, laut, emanzipiert, egozentrisch, promisk und witzig. Und sie zeigt ebenfalls: Es geht bei den jungen Frauen nicht mehr, wie noch in "Sex and the City", um die Suche nach dem idealen Kerl, sondern darum, wie man in der Welt zurechtkommt, zur Not auch allein. Dreimal Empfehlung, wärmstens.


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