Film Neu im Kino

Emotionale Arbeit: "Certain Women"

Eva Kleinschwärzer | Lexikon | aus FALTER 09/17 vom 01.03.2017

Die kargen Ebenen um Livingston, Montana, evozieren in ihrer Weite Gefühle zwischen Einsamkeit und Freiheit. Diese Eindrücke lassen sich auch auf die emotionalen Landschaften übertragen, in denen sich Kelly Reichardt mit "Certain Women" bewegt. Kurzgeschichten von Maile Meloy sind Basis für die lose verknüpften Lebensrealitäten von vier Frauen: Laura (Laura Dern) versucht als Anwältin, bei einem gescheiterten Fall Schadensbegrenzung zu betreiben. Gina (Michelle Williams) strebt nach einem soliden Fundament für ein Haus in der Natur. Und Jamie (Lily Gladstone) versorgt Pferde über den Winter, bis die Begegnung mit der jungen Anwältin Elizabeth (Kristen Stewart) in einer Abendschule ihren einsamen Alltag verwandelt.

Reichardt eröffnet mit einem starken Ensemble und ihrer psychologischen Arbeitsweise einen Raum, der die Gefühlswelten der Frauen zwischen kleinsten mimischen Regungen, Landschaft und Sound greifbar werden lässt. Dabei ist es, als ob den 16-mm-Bildern Reichardts eine kleine Wunde zugefügt wurde: Die Geschichten handeln von alltäglichen zwischenmenschlichen Begegnungen, die jedoch von emotionalem Ballast, Enttäuschung und Entfremdung gezeichnet sind -Gefühle, die vage bleiben und ihre Wirkung auf Mikroebenen entfalten. Die Einfachheit der Grundstruktur findet ihre Resonanz in den eindringlich wirkenden Details, mit denen Reichardt den Blick lenkt.

Dabei steht die Ruhe der vier Frauen im Gegensatz zu den Männern im Film, die offensiver auftreten und dennoch in den Hintergrund rücken - sei es der übergriffige Mandant, der Familienvater mit Affäre oder der frisch geschiedene Anwalt. Der Blick auf diesen klischeehaften Gestus hat etwas Entlarvendes und stellt einen subtilen Kommentar zu etablierteren Perspektiven dar.

Ab Fr im Filmcasino (OmU)


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