Raghads Geschichte

Nach der Ermordung ihrer Mutter flieht eine junge Frau von Bagdad nach Wien. Der Schriftsteller Luca Manuel Kieser schrieb ihr Leben auf, das voller Gewalt und Hoffnung ist

Feuilleton | aus FALTER 10/17 vom 08.03.2017


Illustrationen: Georg Feierfeil

Gestern hatte Raghad ihr zweites Interview. Wir sitzen in einem Café am Ring. Auf ihrem T-Shirt Mickey Mouse, ihr Kopftuch weinrot mit hellroten Punkten. Broschen dran, die Sonnenbrille aufgesteckt. Ihr Nasenpiercing blitzt. Das Interview ist anstrengend gewesen. Es geht alles so schnell, kaum Zeit, um über die Antworten nachzudenken. Einer fragt, eine übersetzt, ein Dritter tippt ab. Jetzt muss ihr Bruder noch befragt werden; und dann heißt es: auf Post warten. Raghad ist zuversichtlich – „because my country is bad, my mother is dead, no future, everytime bombs …“ Sie trinkt heiße Schokolade, leckt sich den Schaum von der Oberlippe. Dunkler Lippenstift. Make-up. Ein dicker Lidstrich. Im Irak hat sie sich nur leicht geschminkt, so, dass es nicht zu erkennen gewesen ist – „because in my country make-up is just for married women“. Sie schweigt – „every night I am in my country“.

Raghad wird Mitte der 90er-Jahre in Bagdad geboren. Ihre Familie muss oft umziehen. Überall steigen die Mieten. Raghads erste Bilder: wie sie mit anderen Mädchen in den Straßen spielt, Verstecken oder Fangen, Ball und mit Puppen. Ihr drei Jahre älterer Bruder zuckt die Achseln, wenn sie ihn fragt, wie es gewesen ist. Fotos gibt es von ihr keine. Erinnerungen hat sie eigentlich nur an ihre Mutter. Die ist ihre beste Freundin – „she never hit me“ –, nimmt sie überall mit hin, einkaufen, etwas essen, in den Park … Einmal kommen sie an einem Juwelier vorbei. Raghad bleibt am Schaufenster stehen, zeigt ihrer Mutter, was sie entdeckt hat: Ohrringe in Form goldener Blumen – aber viel zu teuer. Raghad bettelt, die Mutter will weiter …

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