Wieder gelesen Bücher, entstaubt

Juliane Fischer | Politik | aus FALTER 10/17 vom 08.03.2017

Unheimlich aktuell

Es polarisierte schon zur Erstaufführung: Mit der Mischung aus possenhaftem Charakter und Satire konnten viele nichts anfangen, andere hielten das Stück für eine "Eintagsfliege", hochgetunt mit Tagespolitik.

Nestroy versetzt die Ereignisse vom Frühjahr 1848 aus Wien in das musterhafte Modell beschränkter Kleinstädterei. "Also, wie's im großen war, so haben wir's hier im kleinen g'habt ...", verdeutlicht das Eberhard Ultra, jene sympathische Figur des progressiven Wutbürgers, in der sich Nestroy selbst porträtiert haben soll. Die Posse richtet sich gegen patriarchalischen Despotismus, Spitzeltum und Bürokratie, vergisst aber nicht auf die negativen Seiten bei revolutionären Ereignissen. Wie gewohnt stellt Nestroy Pathos und Parodie nebeneinander, zeigt das Mitläufertum und die gewaltbereite, gedankenlose Masse sowie die Schwierigkeit, große Ideen auf den Boden zu bringen.

Wiederlesen lohnt sich, bedenkt man Donald Trumps Umgang mit Medien oder Debatten über die Einschränkung der Demonstrationsfreiheit. Trotz allem erkennt Nestroy, dass antirevolutionäre Kräfte und politisches Desinteresse die Freiheit zerstören.

Johann Nestroy: Freiheit in Krähwinkel. Posse mit Gesang in zwei Abteilungen und drei Akten. Reclam, 88 S., ab € 3,54


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